1. Der Klavierhocker -- Teil 01


    Datum: 16.05.2018, Kategorien: Transen Autor: byGesa

    1 Daniel
    
    Mein Vater machte mir Vorwürfe. Das war nichts Neues, da er mir immer wieder sagte, dass ich mich im Studium mehr anstrengen sollte. Genau das hatte er mir schon auf dem Gymnasium gesagt und es mich gegebenenfalls auch handfest spüren lassen, wenn ich seine Erwartungen nicht erfüllte. Neu hingegen war, dass er mich im zweiten Semester zum ersten Mal damit wirklich traf, denn er hatte diesmal tatsächlich recht gehabt. Ich hatte eine wichtige Mathe-Klausur versiebt. Wenn ich noch die Kurve kriegen wollte, dann musste ich sehen, dass ich für das nächste Semester fit war. Ich musste diese Scharte wieder auswetzen. Falls nicht, dann würden meine Noten so schlecht ausfallen, dass ich das Fach Mathe für den Gymnasiallehrer vergessen konnte und damit auch die finanzielle Unterstützung durch Papa.
    
    Nun war guter Rat teuer! Mit finanzieller Hilfe für Nachhilfe von Papa konnte ich nicht wirklich rechnen. Er war eh vergrätzt, dass ich Lehrer werden wollte. Seiner Meinung nach würde ich als Versicherungs-Mathematiker in der freien Wirtschaft bedeutend besser verdienen und auch leichter aufsteigen können. Gymnasiallehrer war schon ein Kompromiss gewesen. Ich hatte ursprünglich auch an Grundschullehrer gedacht.
    
    Ich bekam von ihm das Äquivalent für ein BaföG-Stipendium, aber auch eben nur genau das. Meine Mutter steckte mir ab und zu heimlich Geld zu, aber ihr Haushaltsgeld war auch nicht üppig. Ich hörte mich im Kreis meiner Kommilitonen um. Richtig gute Hilfe gab es nur ...
    ... durch richtig teure Lehrer. Das konnte ich mir nicht leisten. Es gab nur zwei Vorschläge, die ich mir leisten konnte. Natürlich hatten beide ihre Haken.
    
    Es gab einen schrillen Privat-Dozenten, der sich mit Theoremen beschäftigte, die kein anderer für lösbar hielt. In seinem einzigen Kurs an der Uni gab es genau drei Studenten, die allesamt einen Schlag weg hatten und von denen zwei ‚ewige' Studenten waren. Wenn man in seinen Kursus einstieg, dann gab er auch quasi umsonst Nachhilfe. In den Kurs bei dem Dozenten hörte ich einmal hinein. Das reichte mir schon. Der Typ war total durchgeknallt!
    
    Der andere Vorschlag klang auch nicht besser. Es gab eine ehemalige Dozentin an einer englischen Privatschule. Es hieß, sie sei dort aus obskuren Gründen gefeuert worden. Sie war angeblich russisch-stämmig. Sie gab jetzt nur noch Nachhilfe für Gymnasiasten und Studenten von vermögenden Eltern, solange diese vor dem ersten Staatsexamen oder dem Vordiplom standen. Sie würde Nachhilfe gegen Haushaltshilfe geben. Das klang im ersten Moment gar nicht so schlecht, aber die Details waren weniger gut.
    
    Sie gab nur kombinierte Nachhilfe in Mathe und Klavier, weil sie der Meinung war, dass die Strukturen in Mathe und Musik viel gemeinsam hatten. Meine Klavierkenntnisse waren bestenfalls mittelmäßig, wenn ich das optimistisch sah. Hausarbeit umfasste alles von Saubermachen bis hin zum Wäsche waschen. Ihre Nachhilfe war offensichtlich gut, denn sie konnte sehr gut davon leben. Ihre Eignung als ...
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