1. Ina


    Datum: 07.03.2021, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: bybumsfidel

    ... ihren Gästen eine Bettstatt zu bieten, in anderen Hütten wird gekocht und gebraut, denn heute ist der letzte Tag auf den Feldern. Die Ernte ist eingebracht, das Fest kann so langsam beginnen.
    
    "Seid Ihr heute Abend beim Kiebitzen dabei?" fragt Shukrah neugierig.
    
    Ina antwortet für beide: "Ich nicht, ich bin ja schon längst angestochen, aber für Hirkani ist es die Gelegenheit endlich einen Mann kennen zu lernen. Nicht wahr, Hirkani, Du machst doch mit, oder? Du kannst schließlich nicht ewig unbemannt bleiben."
    
    "Lass mich doch endlich damit in Ruhe", faucht Hirkani zurück. "Ich find schon noch den Richtigen! Sind denn Deine Töchter auch dabei?", versucht sie von sich abzulenken, indem sie Shukrah fragt.
    
    "Ja natürlich, alle unverheirateten Mädchen aus der Gegend sind dabei. Das ist schließlich der Spaß des Jahres. So hab ich meinen Mann damals auch kennen gelernt", lacht die.
    
    Nicht immer konnten die Väter für ihren Nachwuchs frühzeitig einen Ehevertrag abschließen. Ein junges Mädchen konnte zum Beispiel noch so hübsch sein, gab es in ihrer Kaste keinen unbeweibten Jungen mehr, so war Kiebitzen ein offener Heiratsmarkt über die Kastengrenzen hinweg. Dabei wurden die ledigen Mädchen ins eine Art Moor geschickt, die heiratsfähigen Jungen hinterher. Es entwickelte sich eine Art Versteckspiel, bei dem die Mädchen versuchten sich nur von dem Jungen fangen zu lassen, der für sie als Ehemann in Frage kam. Andererseits versuchten die Jungs sich die attraktivsten Rosinen ...
    ... herauszupicken, was beiden Seiten nicht immer gelang.
    
    Hier im Dorf war der Brauch mangels Moor abgewandelt worden. Die Mädchen versteckten sich in den Reisfeldern in dem sie sich unbekleidet gegenseitig mit Schlamm einschmierten und so kaum von der Erde, in der sie lagen, zu unterscheiden waren. Unter großem Gelächter und einer gehörigen Portion Schadenfreude der Zuschauer kamen dann die Jugendlichen paarweise zurück. Offiziel wurde niemand aufgrund dieses Spiels zwangsverheiratet, es sollte ja schließlich ein großer Spaß sein. Doch wenn das Paar sich einig war, dann hatten sie das Recht zu heiraten ohne das eine Mitgift gezahlt werden musste. Es stand allerdings zu befürchten, dass diese Einigkeit so manches mal auch von den Vätern hergestellt wurde.
    
    "Wie, Du hast Deinen Mann beim Kiebitzen kennengelernt? Erzähl!" Hirkani will genauer wissen, worauf sie sich da einläßt.
    
    "Das kann ich ruhig erzählen. Ihr werdet es vermutlich sowieso spätestens auf der Hochzeit erfahren. Wir haben damals so einen Skandal ausgelöst, das erzählt der Dorftratsch immer noch auf jedem Fest." Shukrah macht es wirklich interessant.
    
    "Was habt ihr denn angestellt?", will Ina jetzt wissen.
    
    "Ich war 12, fast 13, ein schon lange versprochenes Mädchen, als mein Zukünftiger vom Baum fiel und sich das Genick brach. Damit war ich sozusagen schon vor der Hochzeit Witwe. Keiner wollte mich mehr haben, alle glaubten ich sei verhext und würde Unglück bringen. Meine Mutter schickte mich dann, als ich ...
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