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Die Kanzlei
Datum: 18.07.2022, Kategorien: 1 auf 1, Autor: Stefan
"War es das jetzt wirklich wert?". Sophie ärgerte sich über die verschwendete Zeit. Der Mandant saß wegen einer Fahrlässigkeit auf der Anklagebank und hat sich über den kompletten Verlauf des Mandats in keiner Weise kooperativ verhalten. Das hatte er jetzt davon! Durch seine Dickköpfigkeit konnte der Staatsanwalt grobe Fahrlässigkeit geltend machen, die Richterin hatte keine Chance, ihm nicht Recht zu geben. Sophies Zeit, die mickrige Entschädigung bei der Pflichtverteidigung und der strafende Blick ihres idiotischen Mandanten ärgerten sie maßlos. Es war wahrscheinlich das Leid einer jungen Strafverteidigerin. Mit ihren 26 Jahren ist Sophie im Eiltempo durch die Schule gejagt, hat in der Mindestzeit den Bachelor in Jura mit Bestnoten abgeschlossen, um dann ein Jahr in den USA ein wenig andere Rechtsluft zu schnuppern. Strafprozesse waren dort sehr spannend und es gab einige heikle Momente, in denen Geschworenengerichte auf Messers Schneide agierten. Zurück in Deutschland wurde auch der Master in kürzester Zeit eingesammelt und ihre guten Noten machten ihren jetzigen Arbeitgeber auf sie aufmerksam. Im Einstellungsgespräch konnte Sophie sich brillant verkaufen. Der Seniorpartner, der sie eingestellt hat (damals "Herr Siegmann", jetzt "Klaus") hatte offensichtlich ein Auge auf sie geworfen und beschlossen, diese ebenso talentierte, wie ambitionierte und hübsche Frau unter seine Fittiche zu nehmen. Was folgte, waren zuerst Rechercheaufgaben, später Assistenzen und schließlich ...
... einige kleine Fälle mit durchaus beeindruckenden Erfolgen, die Sophie einen guten Ruf innerhalb der großen Kanzlei einbrachten. Beim Zurückblicken lächelte sie und verpasste fast die Rückfrage des Staatsanwalts. Geistesgegenwärtig lächelte sie und nahm gerade noch die Frage wahr, warum ihr Mandant sich so wenig kooperativ verhalten hätte. Ihr blieb nur ein Schulterzucken, worauf sie leise erwiderte, dass leider ein gesundes Maß an Unrechtsbewusstsein fehlte. Ein wissendes Nicken und begleitende gute Wünsche bauten sie ein wenig auf. Der Staatsanwalt war ein bekannter Advokat, der durchaus attraktiv war. Knapp 1,90 groß, braungebrannt mit dunklen Locken war er durchaus der Typ Mann, den sich eine Mutter als Schwiegersohn wünschte. Zum Leidwesen aller Mütter von jungen Frauen, war er campusbekannt schwul und schon seit Jahren mit einem Direktor der örtlichen Volksbank liiert. Natürlich tat das im 21. Jahrhundert seinem guten Ruf keinen Abbruch und er war ein fairer, aber harter Gegenspieler, wenn es im Gerichtssaal gegeneinander ging. Klaus Siegmann blieb in der Kanzlei ihr Vorgesetzter, war schon lange Partner und ein angesehener Anwalt mit einem bundesweiten Ruf, auch schwierige Fälle zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Klaus führte ein Team aus Anwälten, die Strafsachen und Pflichtverteidigungen übernahmen. Jüngere Juristen bekamen letztere zum Üben und konnten sich dann mit solchen Typen, wie Sophies heutigem Mandanten ärgern. Es übte natürlich und jede Kontroverse, ...