1. Anonym


    Datum: 23.11.2020, Kategorien: Voyeurismus / Exhibitionismus Autor: Anonym

    Mit vollen Einkaufstüten schlendern die Menschen über den Marktplatz, ergattern einen der schattigen Plätze unter den Kastanien, schlecken Eis im Café oder sitzen hier neben mir auf dem Brunnenrand und kühlen ihre Füße im Wasser.
    
    Über zwei verwaisten Bänken in der Mitte des Platzes flimmert die Luft. Bei der Sommerhitze setzt sich keiner da hin. Auf der anderen Seite fotografieren Touristen aus aller Welt die verwitterte Statue. Der Zeiger der Turmuhr dahinter springt auf neun vor Zwölf.
    
    Ich wische meine schwitzenden Hände an meiner Jeans ab und schaue auf mein Handy. Bei Twitter tut sich nichts. Eigentlich müsste es gleich losgehen. Aber von uns sehe ich keinen. Ich steige auf den Brunnenrand, mache meine Ein-Meter-Dreiundsechzig lang und schaue mich nach einem von uns um. Wir müssten auffallen. Ich fürchte, dass ich sonst die einzige Frau bin.
    
    Endlich kommt ein neuer Tweet mit letzten Instruktionen. Um Zwölf soll es losgehen. Ich eile in eine der Straßen, die vom Marktplatz wegführen, und von dort in eine ruhige Seitengasse hinter den Geschäften, wo kaum Menschen sind.
    
    Ich warte, bis eine Frau an mir vorbei ist und husche in einen schmalen Gang zwischen zwei Häusern, der etwa zwei Meter tief von einer alten Holztür versperrt ist. Hier ist kein Mensch. Aber noch wichtiger ist, dass mich hier keine Überwachungskamera sehen kann.
    
    Ich lege meine Umhängetasche vor die Tür und hole die zwei Sachen raus, die ich gleich brauchen werde, und lege sie auf die Tasche. Ich gucke noch mal aus dem Gang, ob auch wirklich keiner vorbei kommt.
    
    Dann ziehe ich schnell das T-Shirt und den BH aus und stopfe es in die Tasche. Ich bekomme eine Gänsehaut vor Aufregung und weil es hier viel kälter ist als auf dem Markt. Ich schlüpfe in das weiße Shirt, auf das ich richtig stolz bin. Ich hatte eine Schablone aus dem Internet ausgedruckt und ausgeschnitten. Dann auf das Shirt gelegt und mit Schwamm und schwarzer Farbe betupft. Jetzt steht „STASI 2.0“ in großen Lettern quer über meiner Brust. Es liegt hauteng an und meine Nippel bohren sich zwischen den Buchstaben in den Stoff. Genauso wie ich es wollte.
    
    Als ich die Jeans aufmache, rollt hinter mir ein Auto lang. Ich verharre und warte. Erst als ich es nicht mehr höre, zieh ich hastig die Turnschuhe aus, streife die Jeans runter und ziehe die Schuhe wieder an. Die Jeans kommt in die Tasche.
    
    Ich prüfe, ob die Gummibänder an der Maske halten. Ich hatte sie ausgetauscht. Das Gummiband, das vorher dran war, war viel zu dünn. Ich muss sicher gehen, dass die Bänder halten und die Maske immer mein ganzes Gesicht verdeckt. Dann ist es so weit. Ich schließe die Augen und setze sie auf.
    
    Jetzt bin ich einer von ihnen.
    
    Durch eine der ovalen Augenöffnungen schiele ich aufs Handy. Es ist kurz vor Zwölf.
    
    Ich schnappe meine Tasche, laufe los und stolpere über die erste Bordsteinkante, weil ich nicht sehe was vor meinen Füßen ist. Ich gehe langsamer und gucke auf den Boden, damit ich nicht hinfalle.
    
    Als ...
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