1. Das Fensterkreuz


    Datum: 19.02.2021, Kategorien: Voyeurismus / Exhibitionismus Autor: correct

    Gemütlich prasselte der Regen gegen die kleinen Scheiben des schiefen, aus dem Mittelalter übriggebliebenen Hauses. Hier in Zons war die Zeit stehengeblieben. Eine Stadtmauer umsäumte das Häusergeviert, nur selten verirrten sich Attribute der Neuzeit an die Häuserfronten. Das holprige Kopfsteinpflaster schien eher geeignet, eine Postkutsche aus der Bahn zu werfen, als einem Automobil den Untergrund für eine Reise zu bieten. Nur wenige Meter trennten die Häuserreihen auf beiden Seiten der Straße.
    
    Erich hatte sich bewußt diesen Ort als zeitweilige Bleibe ausgesucht. Ein Jahr lang sollte er für seine Firma die Niederlassungen in Köln und Düsseldorf auf Vordermann bringen, die in den letzten Rechnungsperioden meist durch ein Minuszeichen vor dem Bilanzsaldo aufgefallen waren. Die kleine Stadt lag genau in der Mitte zwischen seinen beiden Einsatzorten. So konnte er lange Anfahrtswege vermeiden. Zudem lag ihm die verträumte Ruhe des alten Ortes mehr als die Hektik der Großstadt.
    
    Die Wohnung, die er gemietet hatte, vereinte den Charme des alten Hauses mit zeitgemäßem Komfort. Dicke Eichenbalken, die sich in mehrere Richtungen frei durch den Raum schwangen, zeugten von der ursprünglichen Verwendung als Dachboden. Sie unterteilten den großen Raum in mehrere Abschnitte, ohne durch Wände den Blick einzuengen. Hinten, neben dem Eingang, hatte sich Erich eine kleine Küche einbauen lassen. Die Mitte des Raumes wurde von einem riesigen massiven Eichentisch eingenommen. Hier lebte Erich: Die eine Hälfte diente ihm zum Essen, als Aufenthaltsort bei den wenigen Besuchen von Freunden. Der Rest des Tisches war sein Arbeitszimmer. Neben dem zentral postierten Laptop stapelten sich die Unterlagen der beiden Filialen. In der hinteren Ecke empfing ihn ein viel zu großes Bett, wenn er erschöpft war.
    
    Drei gemütliche Erker an der Frontseite des Hauses, mit Sprossenfenstern bis zum Boden verglast, erlaubten einen Blick über die gegenüberliegende Häuserreihe hinweg auf die nahen Rheinauen. Der mittlere Erker war sein Lieblingsplatz; hier hatte er einen vom Trödler erstandenen Schaukelstuhl aufgebaut, der ihm als Zuflucht diente, wenn er seinen Gedanken die Freiheit geben wollte.
    
    Auch an diesem Abend im späten Herbst hatte Erich dort Platz genommen. Aus den Lautsprechern, die er auf den mittleren Tragbalken des Dachstuhls verstaut hatte, ertönte leise der unverkennbare Sound des jamaicanischen Boogie-Woogie- Pianisten Errol Dixon, den er noch vor kurzem live erlebt hatte. Erich schaute in den Regen hinaus und versuchte, aus dem Prasseln der Tropfen einen Rhythmus herauszuhören, der zu den Jazzthemen von der CD paßte. Die Straße vor ihm war dunkel, die alten Gaslaternen erhellten nur ihre unmittelbare Umgebung.
    
    Die Fensterhöhlen auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren meist spärlich von innen erleuchtet; dicke Vorhänge dämpften die Strahlen. Hinter einigen zeugten sich bewegende Schatten von der Existenz menschlichen Lebens.
    
    Das gegenüberliegende Haus ...
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