1. Geliebter Dämon 06: Großer Bruder


    Datum: 28.06.2021, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byPhiroEpsilon

    06 Mein großer Bruder
    
    Nach diesem Tag wollte ich nur noch mein Sofa. Beine hochlegen, mir einen seichten Liebesfilm reinziehen und dabei ein Bier trinken. Mir langsam darüber klarwerden, was all diese Veränderungen eigentlich bedeuteten.
    
    Doch, als ich die Tür zu meiner Wohnung aufschloss, war das Licht im Flur an und an der Garderobe hing eine Lederjacke, die ich kannte.
    
    "Peter", rief ich in die Wohnung hinein. "Bist du das?"
    
    "Wer sonst?", kam die belustigte Stimme meines Bruders zurück.
    
    Dann stand er schon an der Tür zum Wohnzimmer und breitete die Arme aus. "Angela", rief er überrascht. "Du siehst gut aus!"
    
    Ich runzelte die Stirn. "Wie genau meinst du das, Bruderherz? Dass ich sonst wie ein Schluck Wasser aussehe?"
    
    "Nein, nein", lachte er. Doch dann wurde er ernst. "Sag nur nicht, du hast dich liften lassen."
    
    Ich machte drei Schritte auf ihn zu und boxte ihm in den Bauch. Das wurde langsam zur Gewohnheit bei mir.
    
    Peter keuchte theatralisch auf. "Ich habe doch nur—"
    
    "Sag. Gar. Nichts", fauchte ich ihn an. Dann nahm ich ihn in die Arme. "Schön, dass du da bist. Ich hatte ein paar anstrengende Tage." Konnte ich ihm mehr verraten? Erstmal nicht, beschloss ich.
    
    "Ich habe Thailändisch mitgebracht", meinte er und wies auf eine Tasche in der Ecke. "Zum Entspannen."
    
    "Du bist großartig, Großer", gab ich zurück und küsste ihn flüchtig auf die Wange. "Geh ins Wohnzimmer, ich hole das Bier."
    
    Ich hätte ihn nicht küssen dürfen, tadelte ich mich ...
    ... auf dem Weg in die Küche. Mein neu erwachter sechster Sinn sagte mir ganz deutlich, dass meine Veränderungen auch bei ihm wirkten.
    
    Ach was, meinte Teufelchen. Es spricht doch nichts gegen ein kleines Nümmerchen mit ihm.
    
    Der eigene Bruder, fauchte Engelchen.
    
    "Stimmt doch gar nicht", murmelte ich vor mich hin. Peter war eigentlich nur mein Cousin. Aber wir waren bei meiner Oma wie Bruder und Schwester aufgewachsen.
    
    Seine Eltern hatten einen Autounfall gehabt, als er zwei war. Ein Jahr später wurde ich geboren, und meine Mutter starb direkt bei meiner Geburt. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt; Oma ist meinen Fragen nach ihm immer ausgewichen.
    
    Sie lebte damals schon ein paar Jahre allein, nachdem Opa an einem Herzinfarkt gestorben war. Er war Beamter gewesen, also ging es ihr recht gut. Sie hatte ein Haus, das groß genug war für sie, Peter und mich.
    
    Spätestens in der Schule sprach ich immer von ihm als meinem "großen Bruder", was jegliche Animositäten gegen mich im Kein erstickte. Selbst mit zwölf Jahren sah er schon gut aus.
    
    Ich hatte ein paar Jahre nur gelegentlich von ihm gehört, während er studierte und ich auf der Polizeischule war. Doch in der Zwischenzeit wohnte er nicht weit von hier, war Single, genau wie ich, und schneite gelegentlich unangemeldet herein.
    
    Er war ein Bild von einem Mann, einen halben Kopf größer als ich, trug Lederjacken und T-Shirts und immer einen Hauch von Dreitagebart. Er war liebevoll, hilfsbereit und gut zu Tieren. Ich ...
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