1. Die Kanzlei


    Datum: 18.07.2022, Kategorien: 1 auf 1, Autor: Stefan

    ... manchmal strengen Art wirkte er bei der Plauderei durchaus angenehm, offen und warm. Immer wieder beim Gespräch war zu erkennen, wie weltgewandt ihr Chef war. Aktuelle Themen, Kultur, Geschichte und auch Ausflüge in wissenschaftliche Bereiche wurden eloquent bedient, sodass es ein ausnehmend anregendes Gespräch wurde. Ohne seinen Intellekt hervorzuheben, sein Wissen, seine Erfahrung einzusetzen, um sein Gegenüber zu überflügeln steuerte er die Unterhaltung. Sophie wirkte in den meisten Gesprächen mit Gleichaltrigen häufig unterfordert. Thomas war sehr eng in seiner Steuerberaterwelt gefangen, wich privat dann in Phantasiethemen aus und äußerte sich immer wieder erstaunt, dass Sophie weder die korrekte Reihenfolge der Star-Wars-Filme, noch die politische Landschaft in Gotham-City interessierte. Gespräche der beiden endeten meist in irgendeinem Klatsch aus dem Freundeskreis oder in der Diskussion, welches Essen am Sonntag auf dem Tisch steht. Welche ein Kontrast zu dem eleganten, charmanten und eloquenten Mann, der ihr jetzt gegenübersaß. Nicht nur der Unterschied im Gespräch zwischen ihrem Chef und ihrem Freund. Auch die Wandlung gegenüber dem angesehenen Rechtsanwalt, der im Gerichtssaal, seiner Bühne, unerbittlich war. Klaus wirkte ganz anders, als der etwas spröde und strenge Vorgesetzte und brillante Anwalt. Es war in der Kanzlei bekannt, dass in seiner Zuständigkeit selten gelobt, dafür umso heftiger kritisiert wurde. So war die Anerkennung, die Sophies Leistungen ...
    ... zuteilwurde, eine wohltuende Ausnahme. Sie begegnete ihm mit einer gewollten Distanz, die ihre Professionalität mit sich brachte. Die Kälte und Abgrenzung aus dem Büroalltag sollten hier auch Einzug finden und so nahm sie eher korrekt, als emotional an der Unterhaltung teil. Sie lächelte pflichtbewusst über seine Späße und trennte diese ganz bewusst von ihrem Privatleben, in das er gerade eingedrungen war. Irritierend fand sie, dass er sehr offen auf sie einging und sie auch durchaus persönlich erreichte. Stück für Stück drang er in ihr Inneres vor und arbeitete Stein um Stein ihrer Mauer ab.
    
    Immer wieder zog sie Parallelen zu Thomas. Ihr Freund, der Steuerberater, der im Vergleich zu Sophies Chef fast noch kindlich wirkte. Klaus war redegewandt (was er als Anwalt sein musste), eloquent (was er als Anwalt sein musste) und charmant (was er als Anwalt nicht sein musste). Seine Gestik, die Art wie er sprach und sein Umgang mit verschiedenen Themen von Kultur über Gesellschaft bis hin zum Tagesgeschehen schlugen bei der jungen Anwältin Saiten an, die lange still geblieben waren. Sophie hielt an sich und versuchte, die Kulisse aufrecht zu erhalten. Ihr Blick ging unauffällig an Klaus herab. Seine knapp 2 Meter waren beeindruckend, insbesondere gegenüber den 1,73 von ihrem Freund. Klaus war sehr gepflegt und seine sportliche, drahtige Figur zeigte, dass er etwas für sich tat. Der allgemeine Tenor im Büro war, dass er in seiner Freizeit ein passionierter Radrennfahrer war, der auch die ...
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