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Zufall oder Schicksal?
Datum: 27.12.2022, Kategorien: 1 auf 1, Autor: Dingo666
... Alter, um ihr gutes Aussehen zu akzeptieren und zu genießen. Sie warf die langen, dunkelbraunen Haare zurück, strahlte in die Runde und entbot allen Nachbarn einen wunderschönen Morgen. Herr Spängler, der Bankvorstand von nebenan, lächelte schräg zurück. Die Vormittagsstunden vergingen wie im Flug, zauberhafte Perlen auf einer Feenschnur. Sie hatte das Auto auf einem Waldparkplatz irgendwo hinter Stühlingen abgestellt und war einfach drauflosgelaufen. Der Pfad führte über warme, sonnenüberflutete Wiesen und durch kühlere Waldstücke. Aufgeräumt schritt sie durch hohes Gras, genoss den Gesang der Vögel und den lichten Schatten zwischen den Bäumen. Dunkle Käfer brummten durch die Luft wie winzige, schwebende LKWs mit surrenden Flügeln. Schon nach kurzer Zeit stellte sie fest, dass sie nicht mehr an die Schriftsätze auf ihrem Schreibtisch dachte. Die kühle Juristin war zurückgeblieben und wartete irgendwo außerhalb. Durch diese sommerliche Umgebung aus üppigen Äckern, leuchtend gelben Rapsfeldern und Wäldern mit bemoosten Bäumen und flirrenden Sonnenstrahlen wanderte die andere, eine jüngere Conny. Manchmal tanzte sie vor kindlicher Freude einige Schritte auf dem weichen Waldweg und sang laut ein paar Takte vor sich hin. Im Lauf des Vormittags wurde es stetig wärmer. Dann richtig heiß. Die Wettervorhersage hatte von 35 Grad gesprochen, und entgegen ihrer Vermutung blieb es im Wald keineswegs schön kühl. Im Gegenteil! Der satte Geruch nach Holz, Laub und Moder, der wie ...
... ein erstickendes feuchtes Tuch über dem Waldboden lag, schien die Temperatur weiter zu hoch zu drücken. Trotz ihrer minimalen Kleidung - nur Shorts, die Bluse und Wanderstiefel - schwitzte sie wie bei einem anstrengenden Workout im Fitness-Club. Die Plastikflasche mit Wasser war schon sehr bald geleert, und seitdem wartete sie mit wachsender Ungeduld und einem immer hartnäckiger drängenden Durst auf einen Imbisstand oder eine Quelle. Sogar ein Bach mit einigermaßen klarem Wasser hätte sie akzeptiert. All dies schien in dem ausgedehnten Naturschutzgebiet allerdings Mangelware zu sein. Zudem verfolgte sie seit einer Stunde hartnäckig der Verdacht, dass sie von der dünnen, rot gestrichelten Linie auf der Wanderkarte abgekommen war. Die Karte zeigte zwar nur ungefähr die Verteilung von Wald und Feldern, aber die Landschaft ringsum hielt sich enervierend wenig an den Plan. Wo war nur dieser Kreuzweg, den sie längst hätte passieren sollen? An "Verirren" zu denken schien ihr ein wenig lächerlich. Ringsum mussten Straßen verlaufen, Autos fahren, Leute in den Dörfern und Gehöften ihrem Alltag nachgehen. Nur wenige Kilometer entfernt, höchstens zwei Stunden zu Fuß - schließlich gab es im dicht besiedelten Schweizer Tiefland kaum noch ein paar Quadratkilometer ohne Siedlungen. Tatsache war aber, dass sie seit dem Aufbruch am Parkplatz keine anderen Menschen mehr gesehen hatte. Nicht einmal Waldarbeiter waren heute unterwegs. Dies in Verbindung mit ihrem Durst sorgte für einen ...