1. Zufall oder Schicksal?


    Datum: 27.12.2022, Kategorien: 1 auf 1, Autor: Dingo666

    ... kleinen, bedrückenden Kitzel in ihrer Magengegend. Die Wanderung, anfangs ein wohltuender Ausbruch aus dem zivilisierten Berufsleben, entwickelte sich zu einer unerquicklichen Angelegenheit.
    
    Ihr Juristen-Ich grinste hämisch herüber. Gott, was freute sie sich auf eine Dusche und auf ihr bequemes Sofa! Was für eine bescheuerte Idee, hier durch diesen Brutofen von Wald zu laufen. Sie könnte so schön in einem angenehm temperaturgeregelten Zimmer sitzen, gemütlich ein paar Akten nachschlagen und...
    
    Ein entfernter Ruf riss sie aus ihrem lethargischen Trott.
    
    Menschen!
    
    Völlig automatisch ordnete sie ihre nassen Haarsträhnen, und strich ihre Kleider glatt. Vage war ihr bewusst, wie abgerissen sie aussehen musste. Zerknitterte Wandersachen, völlig durchgeschwitzt, mit zerkratzten Waden und an der Stirn klebenden Haaren. Das genaue Gegenteil der kühlen Anwältin vor Gericht, perfekt im dunklen Kostüm, dezenten Schuhen und streng hochgesteckten Haaren.
    
    Zwischen den Bäumen glitzerte rotes Blech. Eine Windschutzscheibe reflektierte das Sonnenlicht in einem breiten Streifen. Dahinter lag eine kleine Lichtung, von der nun ein neuer Laut herüberdrang. Conny trat näher und spähte zwischen den dicken Bäumen hervor. Ihre Augen weiteten sich, als sie die Szene erfasste.
    
    Ein Mann kniete dort vor einem kleinen Feuer. Er hatte einen Karton in der Hand und fütterte die Flammen vor ihm mit Papieren und Fotos. Conny konnte nur einen schwarzen Haarschopf und einen breiten Rücken im ...
    ... grob karierten Hemd erkennen. Der Unbekannte legte eine solch wütende Konzentration in sein rätselhaftes Tun, dass sie zögerte. Es schien unvorstellbar, ihn einfach zu stören und nach etwas so Profanem wie Wasser zu fragen.
    
    Der Karton war nun leer und wanderte auch zu den Flammen. Die griffen gierig danach und schlugen für einige Sekunden hoch auf. Der Mann breitete seine Arme aus, sah zum Himmel, und murmelte etwas Unverständliches. Die Bitterkeit, die trotzige Trauer, die in seinem Ton mitschwang, rührte Conny eigentümlich an.
    
    Er blieb eine ganze Weile in dieser seltsamen Haltung, dann ließ er die Arme mit einem Seufzen sinken und scharrte die Reste seiner Verbrennungen zu einem glimmenden Haufen zusammen. Endlich erhob er sich. Seine Bewegungen wirkten schwer, er sah mit gesenktem Kopf zu Boden. Conny hätte wetten können, dass er das Gras direkt vor sich nicht wahrnahm.
    
    Zögernd trat sich vor.
    
    "Hallo? Bitte entschuldigen Sie!"
    
    Der Mann rührte sich für ein, zwei Sekunden nicht. Dann zuckte er zusammen und fuhr herum. Zwei graue Augen in einem ernsten Gesicht hefteten sich auf sie, nahmen ihre schlanke Gestalt auf. Sein Unterkiefer sackte herab, und perplexes Staunen malte sich in seine Miene. Conny biss sich auf die Unterlippe. Sah sie wirklich so schlimm aus?
    
    "Entschuldigen Sie", wiederholten sie verlegen. "Ich - äh, ich glaube, ich habe den Weg verloren. Können Sie mir sagen, ob das hier der Ahorn- oder der Weidenwanderweg ist?"
    
    Er starrte sie immer noch ...
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