1. Rosen, Die Auf Felsen Wachsen 01


    Datum: 28.03.2018, Kategorien: Erstes Mal Autor: byLastvagrant

    1. Rosen, die auf Felsen wachsen
    
    1.1. Erste Begegnung
    
    Er stellte das Weinglas beiseite, inhalierte den beißenden Rauch des Zigarillos, wandte sich ab vom Sonnenuntergang, den er durch das offen stehende Fenster seiner Dachgeschosswohnung beobachtete hatte, und kehrte an den Schreibtisch zurück. Mit geordneten Gedanken und frischem Elan legte er die Finger auf die Tastatur und begann seine Erinnerungen an den Sommer des Jahres 2003 niederzuschreiben. Mit dem ersten Tastenanschlag wechselte er in Gedanken von seiner Wohnung hin zu der Hotellobby, die er in diesem Augenblick betrat, und dem kühlen Luftzug der Klimaanlage, die ihm eine Gänsehaut auf seine Arme trieb.
    
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    Nach der warmen Luft und der Sonne in seinem Nacken auf dem Weg vom Bus bis zur Lobby, war die kühle Luft hier im Eingangsbereich eine willkommene Abwechslung, die ihn einen Moment inne halten ließ. Ein Blick zurück, in die verspiegelten Scheiben der Tür, zeigte ihm einen groß gewachsen, drahtigen, Jungen mit blasser, von der Sonne dieses Sommers noch unberührter Haut. Ergänzt wurde dieses Bild durch blonde, kurze Haare, grüne Augen und einem markanten Gesicht. Alles was er sah gefiel ihm. Was ihm nicht gefiel war, dass was er nicht sehen konnte. Denn er konnte es selbst nicht wahrnehmen. Von Geburt an mit einem Augenfehler gezeichnet, einem sogenannten Nystagmus, fiel es ihm oftmals schwer, neue Bekanntschaften oder Freundschaften zu schließen. Dieses, durch die Fehlbildung ...
    ... hervorgerufene, rhythmische vertikale Zucken seiner Augäpfel, wie sehr er es hasste. Gott sei Dank ist es bei ihm nicht so stark ausgeprägt. Nur ein ganz leichtes Zittern, wie ihm sein Augenarzt immer versicherte. Den Blick abwendend, schulterte er seinen Rucksack und ging weiter in den Eingangsbereich. Menschen liefen aus verschiedenen Richtung an ihm vorbei zur Tür.
    
    „Hey, warte auf uns."
    
    Er blickte über die Schulter und sah in diesem Moment seine Eltern auf ihn zukommen. Kurz zuvor hatte er sich von Beiden mit der Ausrede, er wolle in die kühle Eingangshalle, davongeschummelt.
    
    „So wir checken jetzt ein, warum setzt du dich nicht, bis wir alles Weitere geklärt haben. Wir kommen dann mit den Zimmerschlüsseln zu dir."
    
    „Ok" meinte er noch, machte einen Schwenk nach rechts, und begab sich zu den einladenden Sesseln und Ottomanen des Eingangsbereichs.
    
    Auf dem Weg zu einem der Ecksofas lief er an einem jungen Mädchen vorbei, das sich offensichtlich in ihre Zeitung vertieft hatte. Für die Menschen in ihrer Umgebung hatte sie keinen Blick über. Mittellange, blonde Haare, mit einer einzelnen helleren, fast weißen Strähne, auf der rechten Seite, verhüllten ihm den direkten Blick auf ihr Gesicht. So konnte er leider nur ihr Profil sehen. Sie saß mit übergeschlagenen Beinen und aufgerichtetem Oberkörper, als würde sie besonderen Wert auf ihre Haltung legen. Eben diese Haltung zeigte ihm eine formvollendete Figur. Sie war schlank aber nicht schlaksig. Im Gegenteil, sie wirkte wie eine ...
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