Der geschnittene Busch
Datum: 06.09.2020,
Kategorien:
Betagt,
Autor: byMariusKah
Es ging eigentlich nur darum, einen Busch zurückzuschneiden, der auf Oma Marie's Grundstück stand. Aber ich musste mit einer Massage „bezahlen", aus der dann mehr wurde -- zu meinem Erstaunen, und zu meinem Vergnügen!
Dass ich für die Wanderwege um meine Ortschaft herum zuständig bin und diese regelmäßig in Schuß halte, habe ich ja schon mal erzählt. Im Frühjahr wurden von der Gemeindeverwaltung ein paar Pfosten aufgestellt, an die neue Schilder für Wanderwege montiert werden sollten. Das Anbringen der Schilder war wiederum meine Arbeit.
Einen Pfosten, an einer Kreuzung mitten in der Ortschaft, haben die Bauarbeiter richtig ungeschickt gesetzt. Ja OK, dort ist kaum Platz, aber musste der Pfosten wirklich auf das Grundstück von Marie gesetzt werden, dann auch noch direkt in einen Busch hinein?
„Oma Marie", wie alle nur sagten, war im ganzen Ort als Drachen bekannt. Um die 70 Jahre alt, war sie schon ewig allein, keiner erinnerte sich noch an einen Partner oder Ehemann nach den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Niemand wollte etwas mit ihr zu tun haben, sie war zu jedem grantig und patzig, hatte immer diesen ablehnenden Gesichtsausdruck.
Und: ich musste jetzt mit ihr sprechen, um sie zu bitten, den Busch zurückzuschneiden, damit ich die Schilder anbringen kann. Kein leichter Gang, ich habe das mehrfach hinausgeschoben!
Aber irgendwann musste ich ja. Also bin ich an einem Freitagnachmittag zu ihr gegangen, ein altes Bauernhaus an eben jener Kreuzung, habe an ...
... der Tür geklingelt. Eine alte „Rrrriiinnggg"-Klingel ertönte, kein Melodie oder dergleichen. Nach wenigen Minuten konnte ich sie hinter der gelben Glasscheibe, die in die Haustür eingesetzt war, laufen sehen. Aber nicht zur Haustür, sie ging daran vorbei.
‚Hmm' ging mir durch den Kopf, und ich drückte nochmals den Klingelknopf: Rriinngg. Diesmal nur kurz geklingelt. Kurz darauf hörte ich die Klospülung durchs gekippte Fenster neben der Haustür. Das Klo neben der Haustür... das mochte ich noch nie!
Dann endlich ging die Tür auf. Eine kleine, vielleicht 1,60 Meter große, leicht gebückt dastehende Frau, mit grauen Haaren, die zu einem Dutt hochgebunden waren, stand mir gegenüber: Marie!
„Was ist?" fragte sie auf die ihr übliche, 'charmante' Art. Ich erklärte ihr mein Anliegen, sie bat mich herein. Es war ein zähes Gespräch, in dessen Verlauf ich letztlich anbot, den Busch selbst zurückzuschneiden und so weiter. Ich musste sie mit „Sie" und mit „Frau Marie" ansprechen, sie hat mich einfach geduzt. War für mich auch in Ordnung.
Aber Sie wollte eine Gegenleistung dafür, dass ich den Busch zurückschneide, und weil der Pfosten auf ihr Grundstück gesetzt wurde. „Was kann ich Ihnen Gutes tun?" fragte ich freundlich.
„Du könntest mir den Keller entrümpeln. Der hätte es dringend nötig!" -- „Naja," antwortete ich, „ich habe schon eher gedacht, was ich IHNEN Gutes tun kann? Hatten Sie schon mal eine Massage bekommen?"
„Ja hab ich. Ist lange her. Aber jetzt wo Du das sagst ...