1. Die Drei von der Tankstelle


    Datum: 20.07.2021, Kategorien: Nicht festgelegt, Autor: byblackpencil6

    Linda war hundemüde. Sie riss sich zusammen und konzentrierte sich auf den Verkehr. Sie brauchte dringend einen Kaffee. Draußen war es außerhalb der blendenden Kegel der Scheinwerfer stockdunkel. Ein langer, anstrengender Tag lag hinter ihr. Aber ein erfolgreicher Tag aus ihrer Sicht: endlich war sie wieder eine ledige Frau. Das lange und schmutzig Scheidungsverfahren hatte heute im entscheidenden Termin mit ihrem Exmann und den Anwälten seinen Höhepunkt gefunden.
    
    Noch immer spürte sie den Nachgeschmack des Triumphs, der sie erfasst hatte, als die Unterschriften auf dem Vertrag standen, mit dem ihr Unterhalt geregelt wurde, und eigentlich wäre nun eine Feier angemessen gewesen. Nur, mit wem hätte sie feiern können? Das Zuhause, das ihr Ziel war, würde leer und dunkel auf sie warten. All die letzten Monate hatte sie auf jede auch nur andeutungsweise persönliche Beziehung zu Männern verzichtet, um den Anwälten ihres Exmanns keine Munition im Scheidungskrieg zu liefern. Ihre Freundinnen konnte sie mitten in der Nacht auch nicht anrufen. Und zum Ausgehen war sie zu zu fertig und zu müde.
    
    Kurz bevor sie losgefahren war, hatte sie noch eine Handynummer angerufen, die ihr eine Freundin gegeben hatte. Aber sie war nicht sicher, ob sie die daraus resultierende Verabredung einhalten würde.
    
    Dabei hatte sie Ablenkung dringend nötig, um ihren Ex so schnell wie möglich zu vergessen. Ihn zu vergessen war nämlich gar nicht leicht, wenn sie in seinem Auto zu seinem Haus fuhr ...
    ... und von seinem Geld lebte. Nein, korrigierte sie sich: ihr Auto, ihr Haus, ihr Geld. Es gehörte jetzt alles von Rechts wegen ihr. Da diese Dinge ihm in den letzten Jahren offenbar wichtiger gewesen waren als seine Frau, war es nun eine irgendwie sehr befriedigende Art der Rache, wenn sie ihm genau das weggenommen hatte.
    
    Eine lange Kette roter Bremsleuchten holte sie aus ihren Gedanken zurück. Vor ihr lag die Einfahrt in den kilometerlangen Tunnel, und wenn sie erst einmal durch die Mautstation gefahren wäre, gäbe es ewig keine Möglichkeit mehr anzuhalten. Auf der Hinweistafel an der Ausfahrt las sie einen Ortsnamen, der ihr bekannt vorkam. Kurzentschlossen fuhr sie von der Autobahn ab und folgte dem Wegweiser zum nächsten Ort. Unmittelbar vor dem Ortsrand bog sie nach links ab in der Hoffnung, ein Café oder so zu finden, das noch geöffnet hatte. Am Straßenrand lagen ein paar Warnbaken und ein Umleitungsschild, aber die Strecke war nicht gesperrt. Bald sah sie vor sich eine kleine Tankstelle mit einem erleuchteten Verkaufsraum in einem ansonsten verlassenen Gewerbegebiet. Dort würde sie sicher einen Kaffee bekommen. Die Reifen knirschten auf feinen Kies, als sie neben dem Gebäude anhielt.
    
    Steif vom langen Sitzen stieg sie aus und bückte sich dann nochmal in den Wagen, um ihre Handtasche herauszuholen. Da es trotz der späten Stunde ziemlich warm war, ließ sie die Jacke ihres Kostüms im Wagen. Als sie sich aufrichtete und umdrehte, bemerkte sie die zwei Männer im hellen ...
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