1. Regen


    Datum: 27.04.2022, Kategorien: 1 auf 1, Autor: Herweg

    Schon seit Stunden regnete es und als er Feierabend machte, beeilte er sich in sein Auto zu kommen, ohne komplett durchnässt zu werden. Es war einfach ein nasskalter ungemütlicher Tag, bei dem jeder versuchte, so schnell wie möglich von der Straße zu kommen. Gerade fuhr er durch den Kreisel und an der Bushaltestelle vorbei, als er dort jemanden stehen sah. Irgendwie kam ihm die Person bekannt vor, aber in dem Regen konnte er nicht erkennen, wer es war. Doch bei so einem Wetter lässt man niemanden im Regen stehen. Erst recht nicht, wenn man ihn kennt. Also fuhr er noch eine Runde durch den Kreisel und hielt an der Bushaltestelle an.
    
    In dem Moment, als er das Fenster öffnete, erkannte er die Person und er dachte sofort 'Mist' ausgerechnet DIE. Es war Mareike, die dort stand. Mareike war ungefähr 20 Jahre alt und lernte der gleichen Firma, in der er arbeitete. Erst vor kurzem hatte er seine Mitarbeiter gewarnt, nie mit Mareike allein zu bleiben und sich am besten von ihr fern zu halten. Sie verwechselte Interesse mit Distanzlosigkeit und war extrem auf Aufmerksamkeit bedacht. Außerdem hatte sie den Ruf eines Flittchens, wenn nicht noch mehr. Aber da er jetzt schon angehalten hatte, konnte er sie nicht stehen lassen und als er sie so ansah, tat sie ihm leid, denn sie sah aus wie eine Katze kurz vor dem Ertrinken. Mareike trat ans Auto und er entriegelte die Tür. Als sie einstieg, war sie völlig durchnässt und durchgefroren. Er fragte: "Warum stehen Sie bei diesem Wetter an ...
    ... dieser Bushaltestelle steht, wo es weit und breit keinen Schutz gibt?" Sie sagte, dass sie darauf gewartet hat, abgeholt zu werden. Ihre Mutter wollte sie abholen, aber nachdem sie schon über eine Stunde gewartet hatte, hat ihre Mutter ihr einen Nachricht geschickt, dass es leider nicht klappt und sie nicht kommen kann. Er fragte sie, warum sie niemand anderen angerufen hatte. Sie antwortete, dass sie niemand erreicht hat oder niemand Zeit hat.
    
    Irgendwie passte es zu Mareike, dass sich keiner wirklich für sie interessierte. Ihre Eltern waren geschieden und schoben sie nur hin und her und die Kerle, mit denen sie sich einließ, wollten immer nur das Eine und hatten auch kein wirkliches Interesse an ihr. Das war zumindest aus den Dingen zu schließen, die sie ziemlich freimütig im Unternehmen erzählte. Was ihren Ruf nicht besser machte. Sie war wie eine Dorfhund, den zwar jeder kennt und der manchmal gefüttert wird, aber für den sich niemand wirklich verantwortlich fühlt. Sie tat ihm leid. Er fragte sie, wo er sie hinbringen kann. Sie überlegte und dann sagte sie, er solle sie im Zentrum raus lassen. Er sah sie zweifelnd: "Was machen Sie dann, wenn ich sie dort absetze?" Sie meinte, sie würde sich in den McDonalds setzten, bis sie jemand abholt. Aber dabei klang sie eher unsicher. Einen Moment neigte er dazu, es so zu machen, er wäre sie schnell los und hätte wieder seine Ruhe. Aber dann dachte er, dass er auch nur wie die anderen Dorfbewohner wäre, die den Hund weiter jagen, ...
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