1. Polyamorie 02


    Datum: 01.06.2022, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byBlackHatNCat

    ... Lisa eingehakt hinaus ging, fiel mir der verschmierte Lippenstift auf. Ich reichte ihr mein Taschentuch. Sie wischte sich über den Mund, dann schaute sie zu mir hoch und putzte auch meine Wange. Offenbar hatte ich von Lena ebenfalls ein Andenken mit auf den Weg bekommen.
    
    Am Auto hielt Lisa kurz an, um sich im Außenspiegel ihre Lippen mit einem zarten Rosé neu zu bemalen.
    
    Drei Sekunden, perfekt und fertig. Mein Engel war einfach genial. Andere Frauen hätten Minuten dafür gebraucht. Nicht meine Lisa. Sie sah ohnehin umwerfend in ihrem dunkelblauen Kleid und den schwarzen Strümpfen aus. Dazu ihre schwarzen Pumps. Mit dem dicken schwarzen Mantel wirkte sie sehr elegant, richtig festlich. Ihre offenen Haare waren wieder engelsblond, wie ich es liebte. Die schwarzen Spitzen hatte sie abgeschnitten.
    
    Sie hatte die gleichen stahlblauen Augen wie ich. Alle die uns begegneten, mussten denken, sie sei meine leibliche Tochter.
    
    In der Kirche begrüßte uns der Pfarrer. Nachdem wir uns zuletzt auf der Beerdigung gesehen hatten, erkundigte er sich, wie es uns ging und meinte, dass es schön sei, dass wir zum Weihnachtsgottesdienst gekommen waren. Sonja hätte es sicher gutgeheißen. Wir bedankten uns höflich und quetschten uns in die vollkommen überfüllte Kirche, in die hinterste Reihe.
    
    Von hier konnte man nicht gut sehen, aber man wurde auch nicht gesehen, was uns wiederum recht war.
    
    Wie in jedem Jahr wurde ein Krippenspiel aufgeführt und viele Weihnachtslieder gesungen. Eine ...
    ... Frau direkt neben mir tirilierte in den höchsten Tönen. Mir klingelten bald die Ohren.
    
    Lisa und andere Leidensgenossen um uns herum schauten diese Frau hin und wieder direkt an. Doch die nahm es als Bestätigung und legte noch einen drauf. Beim nächsten falschen Hohen-C zuckte ich zusammen. Von einigen erntete ich bereits mitleidige Blicke.
    
    Lisa hielt meine Hand und drückte sie reflexartig, als die ‚Spitzensängerin' zum Finale ansetzte. Im selben Augenblick fingen kleine Kinder an zu heulen. Mir war schon klar, was, oder vielmehr, wer die Ursache war.
    
    Erleichtert gingen wir hinterher zur Kollekte am Ausgang.
    
    Ein Mann in einem weißen Anzug stellte sich uns in den Weg. Er hatte ein Piercing in der Nase und, da er so anders in dem Anzug aussah, hätte ich ihn fast nicht erkannt.
    
    „Oh, hallo Siggi. Ein schönes Weihnachtsfest wünsche ich dir", sagte ich und reichte ihm die Hand. Lisa war begeistert ihn hier zu treffen, drückte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
    
    „Hallo ihr hübschen. Heute nur zu zweit?", fragte er nach.
    
    Ich antwortete ihm: „Ja, leider, Lena ist zu Hause bei einer kranken Freundin geblieben. Ich wusste nicht, dass du in die Kirche gehst."
    
    „Ich gehe regelmäßig, wenn ihr öfter hier wärt, würdet ihr das wissen", bemerkte er spitz.
    
    „Das kann sein, aber wir haben viel um die Ohren", versuchte ich uns zu entschuldigen.
    
    „Na, ich hoffe doch noch nicht an Silvester. Da steigt wieder die berüchtigte Karaoke-Silvester-Party im Dorfhaus. Ihr ...
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