1. Die zweite Chance


    Datum: 25.04.2020, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byswriter

    ... Augen", stelle ich fest, woraufhin Erika verschämt lächelt. Ihr schüchternes Lächeln verzaubert mich, und ich bin unfähig herauszufinden, warum das so ist.
    
    Ich fahre ihr mit der Hand durch das Haar und stelle überrascht fest, dass aus dem hässlichen Entlein ein vorzeigbarer Schwan erwachsen ist. Hässlich war Erika auch mit den unvorteilhaften Kleidungsstücken, mit der Brille und mit ihrer speziellen Frisur nicht, doch so wie jetzt gefällt sie mir sehr viel besser. Ich küsse sie erneut und lege meine Hand in ihren Nacken. Wir spielen mit unseren Zungen und geben uns unseren Gefühlen hin. Dann löse ich mich von ihr und betrachte Erika eindringlich. Ich bin kurz davor, Erika zu verführen. Ich erinnere mich, dass dies die Eintrittskarte für den Rest meines Lebens ist. Ich muss nur zugreifen und bin am Ziel angekommen. Ich könnte es diesem fiesen Elf zeigen. Ob Gibron damit rechnet, dass ich so schnell Erfolg haben würde? Ich sehe Erika an. Sie wirft mir erwartungsvolle Blicke zu. Offenbar erwartet sie von mir, den ersten Schritt zu tun. Es wäre ein Leichtes für mich, die 42-Jährige zu verführen und mich zu erlösen ... doch irgendetwas hemmt mich. Es arbeitet in mir. Wo ist die entspannte Lockerheit, die ich in ähnlichen Situationen an den Tag lege?
    
    „Was ist?", fragt Erika irritiert. Ich sehe sie an, fühle mich nicht gut. „Ich muss mal kurz ins Bad."
    
    „Ja ... OK ... Die zweite Tür links."
    
    Ich erhebe mich und schenke ihr im Vorübergehen ein gequältes Lächeln. Ich lasse ...
    ... Erika zurück und betrete den Flur. Ich nehme das Telefon von der Ladestation, das mir beim Betreten der Wohnung auf einem Sideboard aufgefallen ist, und nehme es mit ins Bad. Dort angekommen setze ich mich auf den geschlossenen Toilettendeckel und lege meinen Kopf in beide Hände. Das Telefon ruht auf meinem Schoß und ich beschließe, es zu benutzen. Ich greife in meine Gesäßtasche und hole Gibrons Brief hervor. Ich hatte ihn zuvor eingesteckt. Warum, weiß ich nicht mehr aber nun bin ich froh, es getan zu haben. Ich wähle zum zweiten Mal die Nummer des Elfen und verdränge die Frage, ob Erika die Nummer später in ihrem Telefonspeicher angezeigt bekommen wird. Es klingelt mehrfach, doch niemand nimmt ab. „Jetzt geh schon ran!"
    
    Endlich meldet sich jemand am anderen Ende der Leitung. Man lässt mich zappeln, dann vernehme ich Gibrons Stimme. „Wenn das nicht der gute Mark ist. Wie läuft's?"
    
    Ich hasse die kumpelhafte Anrede, lasse sie ihm aber durchgehen. „Ja, ich bin's ... ich bin in Erikas Wohnung."
    
    „Dann scheint es ja ganz gut zu laufen", stellt Gibron fest.
    
    „Ja ... Nein. Eher nicht."
    
    „Lässt sie dich nicht ran?"
    
    „Doch ... Das ist es ja!", spreche ich energisch in den Hörer.
    
    „Warum verstehe ich das jetzt nicht?"
    
    Ich raufe mir die Haare und ringe nach Worten. „Sie hat mich zu sich in ihre Wohnung eingeladen ... Und jetzt soll ich ... Sie will es mit mir machen."
    
    „Na dann ist ja alles gut", meint der Elf.
    
    „Gar nichts ist gut", widerspreche ich. „Sie hält ...
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