1. Schillers Faust 01


    Datum: 05.01.2021, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byhankathi

    Als sich am frühen Donnerstagmorgen die Haustür hinter mir schloss, empfingen mich schwülwarme Luft und blendende Helligkeit. Ich kramte die Sonnenbrille aus meiner Ledertasche. Für die Jahreszeit weiterhin deutlich zu warm, hatten sie im Radio gesagt, und keine Abkühlung in Sicht. Erst Anfang Juni, aber es war jetzt schon seit mehr als einer Woche hochsommerlich heiß. Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrtgemacht, um mir etwas Leichteres anzuziehen. Aber ich war spät dran und hätte ohnehin nichts im Schrank gehabt, das mehr Abkühlung versprach als ein heller, weit geschnittener Leinenanzug und mein dünnstes Hemd. Krawatte, Socken und Unterwäsche hatte ich bereits in der Schublade gelassen, und jedes weitere textile Zugeständnis an die Hitzewelle hätte in der Firma nur für dumme Sprüche gesorgt. Blieb nur zu hoffen, dass die Klimaanlage im Büro heute mal funktionierte.
    
    Ach, ein Königreich für eine Klimaanlage! Sehnsüchtig schaute ich zum Carport hinüber. Aber leider war mein Auto nicht mehr mein Auto, seit Anne vor ein paar Wochen den Fahrzeugbrief an sich genommen, den Wagen umgemeldet und direkt im Anschluss die Scheidung eingereicht hatte. Schon erstaunlich, wie schnell man vom Fahrzeughalter und Ehemann zum Bahnfahrer und Antragsgegner werden kann. Sofaschläfer war ich inzwischen auch. Ein leichtes Ziehen im Rücken erinnerte mich daran, als ich mich per pedes auf den Weg zum Dorfbahnhof machte. Nachdem die als Regionalexpress angekündigte altertümliche Eisenbahn ...
    ... quietschend am Bahnsteig zum Stehen gekommen war, fand ich nach kurzem Suchen ein freies Abteil. Ich setzte mich in Fahrtrichtung auf den Platz am Fenster, nachdem ich es geöffnet hatte. Die Abteiltür ließ ich ebenfalls offen, obwohl es mir eigentlich lieber war, während der Fahrt allein zu bleiben. Allerdings schien mir der Durchzug die einzige Möglichkeit zu sein, einen Hitzschlag zu verhindern. Beim Bau dieses Waggons -- vermutlich irgendwann gegen Ende der Kreidezeit -- waren Klimaanlagen noch nicht erfunden.
    
    Ich lehnte mich zurück. Zu Beginn meiner erzwungenen Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs hatte ich mir vorgenommen, die dreiviertelstündige Fahrtzeit zum Lesen zu nutzen, aber das sanfte Schaukeln, Rumpeln und Ruckeln des Zugs wiegte mich zuverlässig in einen leichten Schlummer. In dem Buch in meiner Tasche, die auf dem Platz neben mir lag, hatte ich in den letzten drei Wochen vielleicht ein Dutzend Seiten geschafft, deren Inhalt ich bereits wieder vergessen hatte. Wie an jedem Morgen wurden meine Lider schon schwer, als der Zug anfuhr. Aus dem Augenwinkel nahm ich noch undeutlich wahr, dass eine junge Frau in einem weißen Kleid an der Abteiltür vorüberging, dann döste ich ein.
    
    Wie meistens schlief ich nicht wirklich tief, sondern dämmerte vor mich hin, während ich ungeordnet und ziellos an alles und nichts dachte. In letzter Zeit kam es dann auch immer öfter vor, dass sich meine Gedanken um Sex drehten, was mich überraschte. Denn das war ein Thema, das ...
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