1. Geliebter Dämon 10: Die Visite


    Datum: 27.02.2021, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byPhiroEpsilon

    ... konzentrierte ich mich auf den Mann von eben. Er war immer noch da. Ich konnte spüren, dass auch er durch einen Flur lief. Eine Flut von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen strömte auf mich ein. Ich "hörte" jemanden sagen "Guten Tag, Herr Doktor." Ich spürte Gedanken über eine bevorstehende Untersuchung. Ich "sah" Erinnerungen an sein Frühstück, vermischt mit schnell wechselnden, verschwommenen Bildern des Flurs. Menschen, Maschinen, Schilder, bunte Linien auf dem Boden.
    
    "Rot und gelb", hörte ich meinen Körper murmeln.
    
    "Was meinst du?", flüsterte Bob.
    
    "Linien auf dem Boden. Rot und gelb. Gelb biegt rechts ab. Ich folge Rot."
    
    Bob blickte sich um. Hier gab es nur grün und weiß.
    
    "Schwester!", rief er.
    
    Eine Frau in Uniform drehte sich um. "Ja?"
    
    Bob holte seinen Ausweis heraus. "Kriminalpolizei. Wo gibt es rote Linien?" Er zeigte auf den Boden.
    
    "Kann ich Ihnen helfen? Geht es dieser Frau schlecht?"
    
    "Nein, nein, sie ist nur erschöpft." Seine Stimme wurde drängender. "Rote Linien?"
    
    "Geriatrie. Dritter Stock." Sie wies auf einen Aufzug.
    
    "Kannst du selbst laufen?", flüsterte er mir zu.
    
    Ich befahl meinem Körper, ihn loszulassen. "Klar", ließ ich meinen Mund sagen. "Aber du hältst besser meine Hand."
    
    Er sah mich misstrauisch an, aber tat es und lief los. Mein Körper reagierte etwas träge, aber ich schaffte es, halbwegs mit ihm Schritt zu halten. Langsam wurde meine Kontrolle besser. Ich konnte sehen, dass die rote Linie nach rechts abknickte. ...
    ... Der Mann ging geradeaus weiter.
    
    "Wir haben nicht viel Zeit", zischte ich. "Nimm die Treppe."
    
    "Kannst du das?"
    
    Zum Beweis ließ ich seine Hand los und lief voraus. Meine Schuhe wurden zu Sneakers, und ich rannte die Treppe hoch. Bob folgte mir.
    
    Dritter Stock. Gelbe, rote und blaue Linien. Geriatrie nach rechts. Ich rannte weiter.
    
    "He", rief eine Schwester. "Nicht rennen."
    
    Bob blieb kurz stehen und hielt ihr den Ausweis entgegen. "Kriminalpolizei. Dringend." Dann rannte er hinter mir her.
    
    Blau bog nach links ab. Dann kam die Stelle, wo Gelb nach rechts ging. Jetzt gab es nur noch rot. Der Knick nach rechts. Ich rannte geradeaus weiter und blieb abrupt stehen. Der Flur war leer, scheinbar ein unbenutzter Flügel. Türen ohne Kennzeichnungen gingen nach rechts und links ab. Auch ein Aufzug und eine Treppe gab es.
    
    Ich lehnte mich an die Wand, konzentrierte mich wieder auf den Mann. Wo war er hin verschwunden? Ich versuchte die Begierde wiederzuentdecken, doch sie war verschwunden. Was war geschehen?
    
    Hinter mir hörte ich Bob mit einer Schwester sprechen. "War eben jemand hier?"
    
    "Nein, ich habe niemanden gesehen?"
    
    Aber ich erkannte die Stimme wieder. "Welchen Arzt haben Sie eben gegrüßt?", fragte ich.
    
    Sie blickte mich an, strahlte dabei nur Verwirrung aus. Ich versuchte Ihre Erinnerungen anzuzapfen. Ein Bild. Ein Arztkittel, kein Gesicht. Eine Stimme. "Guten Tag, Herr Doktor." Ein Nicken. Verdammt, warum konnten diese Leute nicht anderen ins Gesicht ...
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