1. Ein Leben in Bedrangnis 11


    Datum: 29.05.2021, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byachterlaub

    Das Ende
    
    Die nächsten Wochen bis zur Rückkehr Nadines musste ich mich intensiv meiner Arbeit widmen. Mein Chef hatte sich mit einer Anwaltskanzlei verbunden, die vornehmlich in Osteuropa verschiedene Dependancen unterhielt. Meine Aufgabe war die Unterstützung und Einarbeitung der meist noch jungen Kollegen in Prag, Warschau und Budapest.
    
    Der steuerrechtliche Part wurde von einheimischen Steuerberatern abgedeckt. Mir fiel die Aufgabe zu, in die europarechtlichen Anforderungen der Bereiche Buchführung, Buchprüfung sowie Jahresabschlüsse einzuführen. Ein- oder mehrmals die Woche flog ich früh morgens in die osteuropäischen Hauptstädte und vermittelte dort meine Kenntnisse.
    
    Die jungen Kollegen waren allesamt gut ausgebildet und sprachen neben englisch selbstverständlich auch deutsch, so dass es wenigstens keine Verständigungsprobleme gab. Mein Aufenthalt währte in der Regel nur einen Tag. Tief in der Nacht landete mein Flieger in Frankfurt. Am nächsten Tag mussten die Rückstände des Vortages aufgearbeitet werden. Das verlangte mein Chef.
    
    Es führte oft dazu, dass ich Teile des Wochenendes im Büro verbrachte. Aber ich wusste, dass dieser Zustand nur vorübergehend sein würde. Die Zusatzarbeit wurde im Übrigen reichlich entlohnt. Da ich keine besonderen Bindungen durch Familie hatte, sah ich die berufliche Anspannung durchaus als Abwechselung meiner Alltagsroutine an.
    
    Die zuweilen langen Telefonate mit Nadine vermied ich in dieser Zeit, sicher auch weil ich häufig am ...
    ... Abend sehr abgespannt war. Aber Emails versandten wir jeden Tag. So wusste ich, dass sich Nadine inzwischen gut eingefunden hatte, dass sie unter den Kommilitonen einige Freundinnen gefunden hatte, aber bereits sehnsüchtig dem Tag der Rückkehr entgegenfieberte.
    
    Es war kurz vor der Heimkehr Nadines, als mich mein Chef bat, ausnahmsweise für drei Tage nach Prag zu fahren. Es werde dort vorerst mein letzter Einsatz sein. In einem Crash Kurs sollte ich die Mitarbeiter mit den neuesten Entwicklungen vertraut machen. Nach seiner Einschätzung könne die Niederlassung dann selbständig weiter arbeiten.
    
    Die Nachricht nahm ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Diese ständige Fliegerei in wechselnde Orte würde bald ein Ende finden. Andererseits wusste ich, dass drei Tage Abwesenheit nur mit höchster Anstrengung kurzfristig aufzuarbeiten sein würden.
    
    Jiri war ein von uns angeworbener junger Betriebswirt. Ich hatte ihn gleich schon in mein Herz geschlossen. Denn er sah nicht nur blendend aus mit seinen naturgelockten Haaren und der großen, schlanken Gestalt. Was mir ungeheuer imponierte, war seine flotte Auffassungsgabe. Selten habe ich zweimal auf etwas hinweisen müssen. Er war in seinem Fach ein ausgewiesener Könner, dem eigentlich nur die Berufserfahrung fehlte.
    
    Ich bin sicher, dass er über kurz oder lang bei uns oder in einer vergleichbaren Agentur seinen Weg bis an die Spitze machen wird. Jiri fragte mich also am vorletzten Tag, ob wir nicht abends etwas ...
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