1. Sünde, Schuld und Strafe


    Datum: 02.11.2021, Kategorien: Nicht festgelegt, Autor: byDingo666

    ... worden wärst, früher. Was habe ich nur verbrochen, dass ich so eine Tochter bekommen habe?"
    
    Die Stimme ihrer Mutter hallte in ihrem Kopf. Das erboste sie nur zusätzlich. Ihre Mutter, diese miese Schlampe, dieses falsche Luder! Die Schläge. Dieser Tonfall, reine, ätzende Verachtung. Der Schnapsgeruch...
    
    Sie verscheuchte diese Bilder. Sie wollte jetzt nicht an ihre Mutter denken, oder an ihre Kindheit. Blöde Sachen konnte man ausblenden, das hatte sie früh gelernt. Am besten, indem man andere leiden ließ. Ja, sie musste unbedingt jemand fertig machen, aber so richtig! Am liebsten Mirko, doch an den kam sie nicht ran. Stattdessen...
    
    Sie hielt inne, plötzlich still. Der Gedanke, der da als zartes Pflänzchen in ihr aufgekeimt war, wuchs rasend in die Höhe. Er bildete Ableger, Details, Verästelungen. Wenige Sekunden später stand der komplette Plan fix und fertig vor ihrem inneren Auge. Ein unheilverkündendes Lächeln breitete sich auf ihren vollen Lippen aus. Oh ja, sie würde bald Befriedigung finden!
    
    „Seid mal ruhig und hört zu", wies sie ihre Freundinnen an. Die warfen einen Blick auf ihre Miene und steckten sofort die Köpfe zusammen. Diana war nicht nur die Hübscheste von ihnen, sondern auch die Meisterin der Intrige. Antjes Augen glänzten, und Lucy kicherte aufgeregt vor sich hin, obwohl sie noch keine Ahnung hatte, um was es ging.
    
    „In ein paar Wochen schreiben wir das Abitur", begann Diana. „Dann gehen alle studieren, oder machen sonst was. Jeder schlägt sein ...
    ... eigenes Leben ein."
    
    Lucy kicherte wieder, hoch und schrill. Dianas Ton zeigte deutlich, dass sie ein großes Ding plante.
    
    „Ich finde, wir sollten mal darüber nachdenken, ob möglicherweise jemand in der Klasse das überhaupt nicht verdient hat." Diana machte ein ernsthaftes, ja besorgtes Gesicht. „Jemand, der einfach zu blöd ist, um auf die Menschheit losgelassen zu werden. Jemand, den wir nicht so mir nichts, dir nichts gehen lassen können. Dem wir vorher erst nochmal zeigen müssen, wo er steht, und wo er hingehört."
    
    Atemlose Stille. Lucy und Antje hingen an ihren Lippen.
    
    „Jemand wie Adelbert", schloss sie süß. „Ich habe vor, ihm ein, äh, kleines Abschiedsgeschenk zu überreichen. Seid ihr dabei?"
    
    Sie erntete frenetisches Nicken.
    
    ***
    
    Adelbert bemerkte den kleinen Zettel erst mit Verzögerung. Er starrte das geknickte Papier an, das da vor ihm auf dem Buch lag. Vorne dozierte Mrs. Granger auf Englisch vor sich hin. Er verstand nur die Hälfte. Das war in den meisten Fächern so.
    
    Irgendjemand musste ihm den Zettel in der Pause zugesteckt haben. Er kannte das nur aus Beobachtungen. Die anderen in der Klasse reichten sich ständig irgendwelche Briefchen weiter. Das fiel weniger auf, als heimlich auf dem Handy herum zu tippen. Er hatte noch nie eines bekommen. Mit angehaltenem Atem nahm er das Papierchen und faltete es auf.
    
    „Warte bitte nach der Stunde hier im Zimmer. Ich muss mit dir reden. Ich brauche deine Hilfe. D."
    
    Mit offenem Mund starrte er auf die ...
«1234...18»