1. Die Burg Kapitel 12/Ende


    Datum: 06.01.2022, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byAldebaranKastor

    Lorentz sah immer noch in die Ferne, als wenn er nach etwas sehnsüchtig Ausschau hielt. Dann atmete er tief durch und sah mich mit einem hintergründigen Lächeln an.
    
    „Sagt, soll ich euch etwas seltsames Zeigen?", fragte er und ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Stattdessen nickte ich.
    
    Er steckte seine Pfeife ein, die schon lange keine Rauchzeichen mehr von sich gab. Dann stützte er seine Hände auf den Rand der Mauer ab, stemmte seinen Körper hoch und schwang sich mit einer pendelnden Bewegung über die Mauer.
    
    Zu keiner Reaktion fähig, sah ich dabei zu, wie sein Körper in der Tiefe verschwand und etwa neun bis zehn Meter weiter unten, mit den Füßen zuerst auftraf.
    
    Normalerweise hätten diese jetzt wegknicken, hätten sich in ihre Einzelteile zerlegen müssen, aber das taten sie nicht. Lorentz stand einfach steif wie ein Zinnsoldat da. Dann drehte er sich zur Mauer und sah nach oben. Er winkte zu mir hoch, als wenn nichts gewesen wäre, dreht sich um und ging langsam den Weg Richtung Dorf. Dabei meinte ich zu hören, wie er leise vor sich hin pfiff.
    
    Ich kann nicht sagen, dass es mich sonderlich verwirrte. Zu viele seltsame Dinge hatte ich in den letzten Tagen gesehen, daher kam es nicht mehr überraschend. Ich nahm es hin. Dann stand ich auf und ging zur Werkstatt. Unterwegs sah ich zum Haupthaus und konnte sehen, wie im ersten Stock ein Fenster erleuchtet war. Davor hob sich die Silhouette einer Person ab. Dabei konnte es sich nur um die Gräfin ...
    ... handeln, wer sollte es sonst sein.
    
    Ich hob eine Hand und winkte hinauf. Die Person hob ebenfalls ihren Arm und winkte langsam zurück. Doch bei ihr wirkte es schwer, sehr schwer.
    
    In der Werkstatt angekommen, räumte ich auf und sortierte diverse Steine nach ihrem Aussehen und Art.
    
    „Ihr seid mit eurer Arbeit sehr weit vorangekommen. Wann denkt ihr, werdet ihr fertig sein?"
    
    Ich erschrak, als ich die Stimme der Gräfin hinter mir vernahm. Sie musste sehr leise eingetreten sein und stand direkt hinter mir, daher war sie mir nicht aufgefallen.
    
    Langsam drehte ich mich um und sah sie im schwachen Licht einer kleinen Lampe stehen, die mit Batterie funktionierte, weil ich abends den Generator nicht mehr anstelle wollte. Es wäre reine Verschwendung gewesen.
    
    Wie immer trug sie ihr geschnürtes, langes, dunkles Kleid und hatte die Haare in einem Haarnetz verstaut.
    
    „Ich kann nicht genau sagen, wann ich fertig bin. Wahrscheinlich in wenigen Tagen. Soweit ich es überblicken kann, ist die Substanz der anderen Gebäude in Ordnung. Auch die Wehrmauer ist in einem guten Zustand. Leider komme ich nicht an die Zinnen des Bergfrieds heran. Die hätte ich zu gerne repariert."
    
    „Oh!", sagte die Gräfin und holte tief Luft. „Die werdet ihr fertigmachen können. Da bin ich mir sicher. Es wird nicht mehr lange dauern."
    
    Dann trat sie auf mich zu und griff nach meiner Hand.
    
    „Kommt bitte mit!"
    
    Ich legte den Hammer aus der Hand, den ich gerade festhielt, und ließ mich willig von ihr ...
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