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Grober Sand 03
Datum: 10.01.2022, Kategorien: Nicht festgelegt, Autor: byLoreleyColter
... Finger ab und im gleichen Moment fällt mir auf, dass das vermutlich die denkbar dämlichste Geste ist, die mir in diesem Augenblick in den Sinn kommen konnte. Er sieht mich an und schüttelt nur schmunzelnd den Kopf. Völkerverständigung in Reinform. Meine Übelkeit lässt schnell nach, als ich das Brot verschlinge. Kohlenhydrate sind genau das, was ich brauche. Immer bei Kräften bleiben. Eine Plattitüde, aber eine der sinnvolleren. Während ich esse, betrachte ich ihn. Er entspricht nur oberflächlich dem Stereotyp eines GIs. Der kahlgeschorene Kopf und sein muskelbepackter Körperbau lassen ihn zwar bedrohlich aussehen, aber seine Gesichtszüge verraten ihn. Die Lachfalten um seine Augen sind zu ausgeprägt, als dass man ihm Kaltblütigkeit unterstellen könnte. Seine Körpersprache ist selbstbewusst, doch sein gesamtes Verhalten vermittelt mir das Gefühl, dass er sich gegen die Rolle sträubt, die ihm der Colonel aufstülpen will. Er ist kein Folterknecht. Er könnte einer sein, wenn er es selbst wollte. Aber ich glaube, es liegt nicht in seiner Natur. Er taxiert mich immer wieder unauffällig, während er so tut, als würde er sich auf sein Essen konzentrieren. Ich bin satt. Zeit, ihn herauszufordern. Ich lege mein Lunchpaket zur Seite und greife nach der Wasserflasche. Wachsam verfolgt er jede meiner Bewegungen. Ich nehme einen kleinen Schluck. Nicht zu viel trinken. Vielleicht kommt Chuck mit seinen Kabeln wieder. Der Gedanke lässt mich kurz schaudern. Aber nur ...
... innerlich. Ich sehe dem Sergeant ins Gesicht. „Wirst du es tun?" Er hält inne und starrt mich einen Moment lang regungslos an. Dann lässt er den Apfel sinken, in den er gerade beißen wollte, und legt nachdenklich den Kopf schief. Ich warte. Er verzieht keine Miene. „Paragraph 14-2. Wirst du es tun?" Na komm schon, Soldat. Raus mit der Sprache. Der Muskel an seiner rechten Wange zuckt ein wenig, ansonsten ist er völlig ruhig. Er sieht mir in mir die Augen. „Wenn du mich zwingst -- ja." Er nimmt einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Ich glaube ihm nicht. Er hat nicht das Zeug dazu. Die Sache mit dem Gürtel ist das eine. Er stand unter Stress, hat die Kontrolle verloren. Aber eine Vergewaltigung ist eine ganz andere Geschichte. Es sei denn ... „Wie lange bist du schon hier?" Ein kaum merklicher Schatten von Traurigkeit legt über sein Gesicht. „Zweieinhalb Jahre." „Heilige Scheiße!", entfährt es mir. Okay, diese Zeitspanne in diesem Land würde vielleicht jedem „das Zeug dazu" verleihen. „Warum so lange?" „Es gibt keinen Nachwuchs. Sie verlängern uns einfach immer wieder." Er zuckt mit den Schultern. „Ich kenne einen Kameraden, der schon fast vier Jahre hier ist." Jetzt verstehe ich woher seine Wut kommt und weshalb er sich überhaupt dazu durchringen konnte, Gewalt anzuwenden. Aber ich muss weiter bohren. „Glaubst du, dass die Informationen, die du von mir bekommen kannst, diesen Krieg verkürzen würden?" Er lacht leise. „Nein, sicher nicht. Dieser Krieg ...