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Die Mitte des Universums Ch. 049
Datum: 08.04.2023, Kategorien: Nicht festgelegt, Autor: byBenGarland
... schnippisch, wie es -- leider -- auf Arbeit oft ihre Art gewesen war. Ich nickte und sagte ihr, dass ich vor meinem Klassenzimmer auf sie warten würde. Ich ging nach oben, steckte mir eine Zigarette an, und sah in den Hof hinunter. Alles war still, und ich hatte auch auf dem Weg nach oben niemanden gesehen. Mein altes Klassenzimmer war mittlerweile in eine Art Wohnheimzimmer umfunktioniert worden. Die letzte Lehrerin, die hier gewohnt hatte, war aber wegen der Corona-Krise nicht aus Indien wiedergekommen. Da mein konvertiertes ehemaliges Klassenzimmer abgeschlossen war, presste ich meine Hände seitlich an mein Gesicht und meine Nase an das Fenster, um es mir wenigstens durch die Scheibe anzusehen. Ich machte noch schnell die Tür des benachbarten Klassenzimmers auf, um den Raum zu lüften, da er keine Fenster hatte. Ich sah, wie Nguyet unten aus der Toilette kam und nach oben kuckte; vielleicht, um zu sehen, ob ich schon oben war. Nun verschwand sie im Treppenhaus, und mein Herz begann, höher zu schlagen. Ich erinnerte mich, wie sehr ich damals in sie verknallt gewesen war -- und genau genommen immer noch war. Sie hatte immer gewusst, wie sehr ich sie mochte, aber da ich zwanzig Jahre älter und somit nur ein Jahr jünger als ihr Vater war, konnte sie sich damals nicht vorstellen, mit mir zusammen zu sein. Sie hatte wohl meiner Chefin auch einmal gebeichtet, dass sie keinen Ausländer ehelichen wollte -- und schon gar keinen, der so viel grösser und kräftiger war als ...
... sie. Als sie oben ankam, hatte sie einen leicht säuerlichen Gesichtsausdruck, wohl, weil sie vom Treppensteigen geschlaucht war und ich sie von ihrer Arbeit unten im Büro abhielt. Sie hatte ihr Telefon in der Hand und gab nun vor zu checken, wie gut das WiFi funktionierte. Ich stellte mich neben sie und bewunderte ihr schönes Gesicht, ihre zarten Handgelenke und den leichten Flaum auf ihrem Unterarm. Sie war nach der Geburt ihres Sohnes nun wieder so schlank wie vor drei Jahren, ohne allerdings verhärmt zu wirken. Ich hatte jahrelang nicht einfach nur still neben ihr gestanden. „Also, Herr Ben, ich weiß auch nicht, was sie immer haben, aber bei meinem Telefon hier funktioniert das WiFi," ließ sie mich mit schneidendem Unterton in ihrer Stimme wissen. Als ich gerade antworten wollte, steckte einer der philippinischen Lehrer seinen Kopf im vierten Stock aus dem Fenster und winkte zu uns hoch. Für ihn musste es schon halbwegs absurd sein, mich mit Nguyet, die er noch von ihrer Zeit unten im Büro kannte, hier an einem Feiertag im fünften Stock zu sehen. Aber ihm war das wohl letztlich egal, da er wusste, dass wir nicht Rumstöbern oder, wie gesagt, Klauen würden. Aber vielleicht war es Zeit, rein zu gehen. „Fräulein Nguyet? Können wir den Router hier im Klassenzimmer überprüfen, wenn sie schon mal hier sind?" Nguyet zögerte leicht angenervt, nickte aber dann, und wir gingen hinein. Der Raum war immer noch warm, und so schaltete sie per Fernbedienung die Klimaanlage an. Ich ...