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Grober Sand 06
Datum: 02.05.2023, Kategorien: Nicht festgelegt, Autor: byLoreleyColter
... beobachten mich, wie ich in die Zelle gehe und mich vor die Frau hocke. Ihre Augen fixieren mich sofort. Warum hat sie keine Angst? Ist es Show, oder ist sie wirklich so abgestumpft, dass ihr Schläge und alles andere nichts mehr anhaben können? Ich frage mich, wie man so wird. Wenn mich jemand fesseln würde und ... Nein. Darüber denke ich jetzt ganz sicher nicht nach. Ich strecke die Hand aus und berühre mit der Fingerspitze die Wäscheklammer an ihrer linken Brust. Sehe zu, wie das gelbe Plastikding vor und zurück wippt. Ihre Kehle bewegt sich, sie versucht zu schlucken. Aber sie hat keinen Speichel mehr. Ich betrachte ihre trockenen Lippen, die sich um den Metallring spannen. Eine Einladung. Ich nehme sie nicht wahr. Statt dessen greife ich nach einer Wasserflasche und lasse der Frau ein paar Tropfen in den weit geöffneten Mund laufen. Sie schluckt, so gut es geht, und verteilt die Feuchtigkeit mit der Zunge auf ihrem Gaumen. Dann blinzelt sie mich an und senkt den Kopf. Mit dieser simplen Regung hat sie meinen Respekt zurückerlangt. In ihrer Situation bedarf es einer Menge Selbstbeherrschung, überhaupt Dankbarkeit zu zeigen. Zum Lohn flöße ich ihr noch einen Schluck ein. Ich überlege, ob ich ihr die Maulsperre herausnehmen soll. Vielleicht lässt sie dann sogar mit sich reden. Ich will gerade nach dem Knoten in ihrem Nacken greifen, als die Tür aufgeht. Reflexartig springe ich auf und nehme Haltung an. Der Colonel schnippt nur mit dem Finger, da sind Bones ...
... und Chuck schon nach draußen verschwunden. Ich trete vor die Zelle. Er sieht an mir vorbei auf die Gefangene, hält die Hände im Rücken verschränkt. „Sie sind nicht weitergekommen." „Nein, Sir." „Nun, Sie haben es auch nicht wirklich versucht." Er mustert mich abfällig von oben bis unten. „Wir müssen den Zeitplan etwas beschleunigen." Ich starre stur geradeaus. Er hatte mir achtundvierzig Stunden gegeben, was will er jetzt schon von mir? „Drehen Sie sich um und sehen Sie die Gefangene an." Ich gehorche und hefte meine Augen auf die gefesselte Frau. „Finden Sie sie attraktiv?" Ich kann einen Offizier nicht anlügen, also antworte ich wahrheitsgemäß. „Ja, Sir." „Warum halten Sie sich dann zurück?" „Weil ..." Ich muss kurz schlucken. „Sir, ich verabscheue Gewalt gegenüber Frauen. Außerdem ist die Gefangene ein Kamerad, Sir." „Woher wollen Sie das wissen? Sie könnte eine Übergelaufene sein, eine weiße Terroristin." „Sir, das glaube ich nicht. Sie ist Soldat, sie ... Sie ist eine von uns. Sir." Der Colonel schleicht um mich herum. „Sie sind also einer von diesen Weltverbesserern, der an das Gute glaubt." „Nein, Sir!" „Dann holen Sie sich endlich was sie brauchen!" Er klingt wütend. Ich schüttle den Kopf. „Sir, ich kann nicht. Es tut mir leid, aber ich kann nicht." Er umrundet mich, betrachtet mich mit Abscheu. Dann bleibt er wieder hinter mir stehen. „Sie können." Ein Stechen in meinem Oberarm lässt mich herumfahren. Ich streife ...