1. Weihnachten bei Buddenbrooks


    Datum: 28.10.2018, Kategorien: CMNF Autor: baer66

    Wie jedes Jahr vermag es Christian Buddenbrook auch heuer wieder kaum zu glauben. Auch diesmal kommt das Weihnachtsfest mit Riesenschritten heran und die kleinen Kinder verfolgen mit Hilfe des Abreißkalenders pochenden Herzens das Nahen der unvergleichlichen Zeit.
    
    Es ist die Zeit der Liebe, aber die Menschen werden deswegen nicht liebevoller, sondern wirken erschöpft, gequält und überlastet. Das Fest der Familie versöhnt auch nicht etwa lange zerstrittene Verwandte, sondern entzweit sie eher noch mehr.
    
    Christian ist das Enfant terrible der alten, angesehenen Kaufmannsfamilie, er widersetzt sich jeglichen Konventionen, privat und beruflich. Viele Frauen finden das anziehend, aber diejenigen, die man in seinen Kreisen als heiratsfähig betrachtet, sind nicht darunter.
    
    Die weihnachtlichen Vorzeichen mehren sich … Schon seit dem ersten Advent hängt in Großmamas Eßsaal ein lebensgroßes, buntes Bild des Knecht Ruprecht an der Wand. Eines Morgens findet Christians kleiner Neffe Hanno seine Bettdecke, die Bettvorlage und seine Kleider mit knisterndem Flittergold bestreut.
    
    Christian beneidet den Knaben insgeheim um seine unschuldige Vorfreude auf das große, geheimnisvolle Fest. Könnte er sich doch auch noch so kindlich für das adventliche Geschehen begeistern!
    
    Schon ist der große Saal geheimnisvoll verschlossen, schon kommen Marzipan und braune Kuchen auf den Tisch, schon ist es Weihnacht draußen in der Stadt. Schnee fällt, es kommt Frost, und in der scharfen, klaren ...
    ... Luft erklingen durch die Straßen die geläufigen oder wehmütigen Melodien der italienischen Drehorgelmänner, die mit ihren Samtjacken und schwarzen Schnurrbärten zum Fest herbeigekommen sind. In den Schaufenstern prangen die Weihnachtsausstellungen. Um den hohen gotischen Brunnen auf dem Marktplatz sind die bunten Belustigungen des Weihnachtsmarktes aufgeschlagen. Und wo man geht, atmet man mit dem Duft der zum Kauf gebotenen Tannenbäume das Aroma des Festes ein.
    
    Christian wird immer ein wenig schwermütig in dieser stillen Zeit. Die trüben Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen, versucht er mit Frivolitäten zu verscheuchen. Während die anderen immer stiller werden, drängt es ihn dann noch unwiderstehlicher, sein Leben lustbetont in vollen Zügen zu genießen, wie um sich von der zuckersüßen Weihnachtsidylle künstlich abzuschließen.
    
    Zum Glück gibt es da die kleine verschwiegene Wohnung am Mühlenwall, wo ihn Fräulein Jungmann stets bereitwillig erwartet. Sie fühlt sich ungemein geschmeichelt, daß ein Sproß der angesehensten Familie der Stadt ihre Gesellschaft der seiner vornehmen Verwandtschaft vorzieht. Und großzügig ist Christian zu ihr auch immer gewesen.
    
    Fräulein Jungmann zieht sich langsam und aufreizend aus, während Christian gemütlich im bequemen Fauteuil am Kamin Platz genommen hat. Mit unbändigem Verlangen in den leuchtenden Augen betrachtet er die ausgeprägten weiblichen Formen der attraktiven Frau und genießt die Berührung ihres warmen weichen Leibes. In ihrer ...
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