1. Ein Leben in Bedrangnis 10


    Datum: 03.02.2021, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byachterlaub

    ... wie ein Häufchen Elend zusammengekauert auf der Couch. Ihre Mutter musste sie unablässig trösten. Überhaupt habe ich erst an jenem Trauertag das erste Mal ihre Mutter näher kennen gelernt. Wir hatten zwar in der Vergangenheit hin und wieder einige Worte gewechselt.
    
    Bald schon wurde mir klar, woher diese herrischen Wesenszüge von Nadine stammten. Insoweit hatte sie ohne Zweifel viel Ähnlichkeit mit der Mutter, die zu meiner Überraschung angesichts der Umstände eine große Beherrschung an den Tag legte. Ich habe mich spontan bereit erklärt, mich um die auswärtigen Gäste der Beerdigung zu kümmern, sie vom Hotel abzuholen und zum Friedhof zu geleiten und sie später in das Gemeindehaus zu begleiten, wo der übliche Streuselkuchen mit Kaffee gereicht werden würde.
    
    Mit Nadine habe ich naturgemäß nur wenige Worte wechseln können. Sie hat sich intensiv um die angereiste Verwandtschaft gekümmert. Schließlich sind Beerdigungen eine der wenigen Gelegenheiten, wo nahe Angehörige sich vielfach nach Jahrzehnten und auf lange Zeit das letzte Mal sehen und sprechen können.
    
    Die drei Tage Sonderurlaub, die Nadine hat erbetteln müssen, waren denn auch wie im Flug vorbei. Als ich sie auf dem Flughafen verabschiedete, sagte sie mir noch unter leichtem Aufstöhnen: „Denis, wenn ich wiederkomme, habe ich vielleicht eine Überraschung für dich."
    
    Ich konnte mir damals überhaupt nicht denken, was Geheimnisvolles sie vorbereitet hatte. Aufgefallen war mir nur, dass sie in den wenigen Wochen ...
    ... wieder einiges an Gewicht zugelegt hatte. Aber das war nichts Ungewöhnliches, wie ich wusste. Wenn sie nicht so schrecklich verheult gewesen wäre, hätte man sicher deutlicher erkennen können, dass ihr Gesicht in jener Zeit einen ganz besonders strahlenden Ausdruck zeigte.
    
    Bald schon hatte mich der übliche Alltag erfasst. Hin und wieder telefonierte ich mit Nadine, die den Tod ihres Vaters langsam zu verkraften begann. Über Emails hatten wir regelmäßig Kontakt. Sie berichtete von den Fortschritten ihrer Ausbildung und von etlichen Exkursionen, die die Gruppe auch nach Schottland führte.
    
    Ich schrieb über meine Stimmungen und Erlebnisse. Das Liebesleben ließ ich selbstredend aus. Ich denke, Nadine wird sich ihr Teil gedacht haben. Aber auch mir waren ihre diesbezüglichen Erlebnisse egal. Wenn sie zurückkommt, so dachte ich, werden wir sehen, was an Verbindendem geblieben ist.
    
    Als besonderes Highlight jenes Sommers sollte sich der Geburtstag meines Freundes Achim herausstellen. Er wurde dreißig und hat mich mit drei anderen alten Kumpel zum ausgiebigen Grillfest eingeladen.
    
    Vor zwei Jahren hatte er von seiner Oma ein freistehendes größeres Einfamilienhaus zusammen mit dem nötigen Kleingeld geerbt. So waren wir in nichts beschränkt und konnten auch seine Musikanlage voll aufdrehen, ohne dass Beschwerden von Nachbarn zu befürchten waren.
    
    Ich hatte mich ein wenig verspätet, weil ich sein Geschenk -- einen größeren Speicherstick für seinen PC -- noch abholen musste. ...
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