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Ein Leben in Bedrangnis Neubeginn 06
Datum: 03.07.2021, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byachterlaub
Der 65. Geburtstag Erst am Abend vor dem 65. Geburtstag bin ich mir endgültig bewusst geworden, wie alt die Beinahe-Schwiegermutter schon ist. Möglicherweise hing dies auch damit zusammen, dass sie immer noch eine straffe Haut aufwies. Früher gab es nur alte, von Runzeln überzogene, gebeugt daherschleichende Mütterchen. Heute kann man dagegen oft Frauen erblicken, die manchmal zehn und mehr Jahre jünger wirken als ihre Mütter und Großmütter. Das liegt zunächst an der Kleidung. Die Kittelschürzen unserer Vorfahren ließen ihre Körper meist unförmig wirken. Heute verschaffen allein flotte Kleidung, gefärbte Haare und dezent geschminkte oder sonnengebräunte Gesichter auch den älteren ein fesches Aussehen. Bei Elisabeth mag hinzugekommen sein, dass auch noch ihre Gene den Ablauf der Zeiten verzögerten. Mir hat dieser rein äußerliche Aspekt ganz sicher dazu verholfen, dass ich mich ihr ohne jede Beklemmung noch immer körperlich nähern konnte. In dieser Beziehung war es zwar zwischen uns ruhiger geworden. Aber hin und wieder loderte in uns ein Feuer auf, das mit viel Flüssigkeit gelöscht werden musste. Wir haben lange überlegt, ob wir in einem Lokal oder zuhause den Festtag begehen sollten. Abgesehen von den nicht unerheblichen Kosten haben wir uns dann vor allem deshalb für eine heimische Feier entschieden, weil der wundervolle Spätherbst die Möglichkeit eröffnete, bei Grillwurst im Garten zu feiern. Man war vor allem nicht darauf angewiesen, die Anzahl der Gäste ...
... allzu genau zu benennen. Von dem eingeladenen Dutzend erschienen denn tatsächlich auch nur sieben Personen. Neben einem befreundeten Ehepaar waren dies eine alte Freundin Elisabeths mit Namen Herta sowie vier ehemalige Lehrer-Kolleginnen. Es wurde ein schönes Fest. Bereits früh am Morgen hatten wir noch im Frühnebel des Tages den großen Tisch auf der Veranda aufgebaut. Ich besorgte noch schnell die fehlende Grillkohle bei Obi. Die kleine Elisabeth deckte dann bei strahlendem Sonnenschein am Nachmittag den Geburtstagstisch. Die ersten Gäste wollten gegen vier Uhr eintreffen. Dann würde die Geburtstagstorte angeschnitten. Zwei Kisten Bier und einige Flaschen Schnaps und Likör sollten die Stimmung bis zum Grillen aufheitern und anschließend den Abend angenehm ausklingen lassen. So gegen Mitternacht sollte der letzte gegangen sein. Von den Gästen kannte ich zu meiner Überraschung niemanden. Meist hatte Elisabeth sie besucht oder sie haben sich außerhalb getroffen. Ich wurde als Schwiegersohn vorgestellt. Die kleine Elisabeth wurde von den Gästen mit sehr viel Lob bedacht und erhielt natürlich jede Menge Süßigkeiten und den einen oder anderen Geldschein zugesteckt. Schon bald nach der Kaffeerunde wurde die Gesellschaft ausgelassen. Der ältere Herr, ein Helmut, erzählte unentwegt Witze nicht immer ganz stubenreinen Inhalts. Die Damen lachten oder taten pikiert. Man merkte schon, dass sie alle keine Kinder von Traurigkeit waren und zum Lachen auch nicht in den Keller ...