1. Die Burg Kapitel 12/Ende


    Datum: 06.01.2022, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byAldebaranKastor

    ... ich zur Treppe des Bergfrieds ging, wandte die Gräfin ihren Blick nach oben. Dorlein und Genefe sahen sich gegenseitig an und verneigten sich tief voreinander. War ihr Schicksal doch stark miteinander verbunden, hatten sie Jahrhunderte miteinander verbracht, ohne jemals in Kontakt miteinander getreten zu sein.
    
    Doch davon bekam ich nichts mit, stattdessen ging ich die Holztreppe zum Eingang hoch. Bevor ich jedoch in den Turm trat, sah ich zur Gräfin herunter, die sich inzwischen umgedreht hatte und mit festem Schritt in Richtung Haupthaus ging. Erst als sie darin verschwunden war, betrat ich den Turm.
    
    Da auch der Turm kein elektrisches Licht hatte, nahm ich eine Kerze, die auf einem kleinen Tisch lag, und zündete sie an. Dann ging ich langsam die inneren Treppen hinauf.
    
    Wenig später war ich unter der Falltür angekommen, die sich von mir nicht hatte öffnen lassen. Ich legte eine Handfläche dagegen und drückte sie nach oben.
    
    Sie öffnete sich unheimlich leicht und mir kam sofort ein heller Schein entgegen, sodass ich erst meine Augen schließen musste. Erst als sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten, stieg ich weiter hinauf in das Turmzimmer.
    
    Die Ausstattung war karg. Nur ein Tisch und zwei Stühle waren vorhanden, wobei auf dem einen ein Mann saß, der mich beobachtete, wie ich die Luke durchschritt.
    
    Als ich im Zimmer stand, nickte er einmal mit dem Kopf und beide sahen wir zu einer Treppe, die nach oben auf das Dach des Turms führte, als dort ein ...
    ... zierlicher Schuh erschien.
    
    Diesem folgte ein tiefrotes Kleid und mir war klar, wer dort gerade herunterkam. Arme folgten und dann sah ich Dorlein das erste Mal aus der Nähe. Obwohl sie jung war, konnte man in der Art, wie sie die Treppe herunterkam, erkennen, dass sie aus adeligem Hause abstammte. Ihre Haltung war steif und grazil, wie die der Gräfin.
    
    Erst als sie am Fußende der Treppe angekommen war, wandte sie sich in meine Richtung und ich konnte ihr direkt in das wunderschöne Gesicht sehen. Ihre Augen groß, die Nase klein und ein Mund, der normalerweise zum Küssen eingeladen hätte.
    
    Doch in ihrem Gesicht lag eine unheimliche Traurigkeit, die jetzt von einem leichten Lächeln durchbrochen wurde, als sie mich sah. Sie kam Schritt für Schritt auf mich zu und blieb erst einen Meter vor mir stehen.
    
    Erst jetzt konnte ich sehen, wie mehrere Tränen aus ihren Augen rannen und langsam nach unten liefen.
    
    „Habt Dank!", sagte sie mit einer leisen, fast nicht zu hörenden Stimme: „Ihr macht, dass ich endlich Ruhe finden kann. Ich werde endlich zu meinen Ahnen gehen können. Lasst mich euch einmal ansehen. Ihr seid von meinem Blute und vielleicht hat mein Kind ausgesehen wie ihr, als es älter geworden war. Mir blieb es versagt, dies miterleben zu dürfen!"
    
    Die Traurigkeit in ihrem Gesicht hatte sich verstärkt und selbst ich fühlte einen Kloß in meinem Hals.
    
    „Bitte nehmt mich in den Arm. Ich möchte noch einmal Leben spüren. Leben, dass ich selber begründet habe."
    
    Sie trat einen ...
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