1. Der Fernfahrer 06


    Datum: 16.02.2022, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: bysirarchibald

    ... hinweisen, als ich ihren seltsam verstörten, fahrigen, ja äußerst nervösen Zustand bemerkte. Ihre Augen, unruhig wie nie zuvor, wieselten hin und her. Anke konnte ihre Hände nicht stillhalten und sie steckte sich nach einer hastig gerauchten Zigarette sogleich eine zweite und eine dritte an.
    
    Mit Anke war irgendetwas. Sie hatte ein Erlebnis gehabt, das sie noch nicht verarbeitet hatte. Ich dachte an einen Unfall, den sie gesehen oder dem sie gerade noch aus dem Weg gegangen war, oder sie ärgerte sich über irgendetwas, etwas hatte nicht so geklappt, wie sie sich es vorgestellt hatte oder oder...... Mir kam das Ganze jedenfalls überaus merkwürdig vor.
    
    Anke ging in ihr provisorisches Büro und ich verschwand in der Küche. Mit einer schnell zubereiteten Kanne Kaffee und zwei Tassen auf einem Tablett, ging ich wenig später zu ihr. Anke hatte noch nichts von ihrer Nervosität verloren. Sie saß am Schreibtisch und tat so, als arbeite sie. In Wirklichkeit aber drehte sie nur ein Blatt Papier nach dem anderen um, legte es auf einen anderen, neuen Stapel, ohne richtig daran gearbeitet zu haben.
    
    Ich goß uns Kaffee ein und stellte eine Tasse mit dem aromatisch duftenden Gebräu vor Anke hin und kam dann ganz unverblümt zur Sache:
    
    "Was ist los mit dir?"
    
    "Was soll mit mir los sein," wich Anke aus.
    
    "Ich habe dich gefragt und, bitte versuch' nicht, mich abzulenken. So nervös und zittrig, wie du bist, habe ich dich noch nie gesehen. Irgendwas ist mit dir. Willst du es mir nicht ...
    ... erzählen?"
    
    Anke lächelte plötzlich. Aber es wirkte verzerrt und irgendwie verloren. Es war gekünstelt, nicht echt.
    
    "Du läßt mich nicht aus, nicht wahr?"
    
    "Du kennst mich. Ich werde so lange bohren, bis du mir gesagt hast, was dich so bewegt. Daß dir eine Laus über die Leber gelaufen ist, kann doch der berühmte Blinde mit dem Krückstock fühlen."
    
    Nach einem Drucksen dann:
    
    "Du weißt doch, daß Herr Hansen uns den neuen Kunden, die Firma Safe-Trans vermittelt hat."
    
    "Hhhmm. Und?"
    
    "Nun, zuerst war ich heute nachmittag bei dem Chef, Herrn Schlösser. Es war auch schon alles soweit in Ordnung. Es fehlte nur noch die Unterschrift von Herrn Hansen unter dem Vertrag. Die müsse ich mir von Hansen selbst besorgen, meinte Schlösser. Am besten wäre, ich führe gleich vorbei. Seines Wissens sei Hansen am Wochenende in Wien und wolle noch abends abreisen."
    
    Schlösser war gut informiert. Harald hatte ungefähr zwei Wochen in Österreich zu tun. Anke weiter:
    
    "Von Safe-Trans aus ist es auf dem Weg nach Hause ja kein Umweg bei Hansens vorbeizufahren und deshalb beschloß ich, Hansen gleich aufzusuchen.
    
    Auf dem Parkplatz vor der Villa standen vier oder fünf Autos, auch die beiden von Herrn und Frau Hansen. Auf mein Klingeln öffnete niemand. Das kam mir seltsam vor. Hansens mußten doch im Hause sein und sogar Gäste haben. Zwei- oder dreimal habe ich geklingelt und immer noch öffnete niemand. Ich war schon im Begriff wegzugehen, als die Haustür sich plötzlich bewegte. Sie hatte ...