1. Die Burg Kapitel 04/05


    Datum: 14.08.2022, Kategorien: Romane und Kurzromane, Autor: byAldebaranKastor

    ... gewesen wäre. Sie kannte die Namen und Daten, ließ sie aber nebenbei fallen, erzählte dafür interessantere Dinge, manchmal lustige Anekdoten über diese oder jenen. Es machte ihr besondere Freude darüber zu erzählen, wenn ein schwarzes Schaf in der Familie war oder eine Affäre lief. Manches Mal stahl sich bei mir, als auch bei ihr, ein Lächeln auf das Gesicht.
    
    War sie mir vorher steif und unnahbar erschienen, kam es mir jetzt nicht mehr ganz so vor.
    
    Wir hatten die Ahnenreihe nicht zur Hälfte abgeschritten, als wir vor einem kleinen Bild einer jungen Frau standen und mir fuhr es wie ein Schlag durch den Körper. Sie war nicht naturalistisch gemalt, wie es zu der Zeit üblich war, aber ich erkannte sie sofort. Es zeigte ganz klar die Frau, die mir die Nacht zuvor erschienen war. Es gab kein Zweifel, sie war es, genau so hatte sie ausgesehen.
    
    Frau Gräfin sah mich auf einmal an und meinte: „Ist etwas mit euch? Ihr seht blass aus?"
    
    Ich schüttelte mit dem Kopf und versuchte meine leichte Verwirrung zu überspielen. „Wann sagten sie, hat diese Dame gelebt?"
    
    „Sie starb im Alter von 25 Jahren, im Jahre des Herrn 1371. Ihr Name war Ness von Hochfeldz, ihre Schwester war eine direkte Vorfahrin von mir. Leider gibt es kein Bild von ihr, sie soll ähnlich ausgesehen haben."
    
    Frau von Hochfeldz ging bereits zum nächsten Bild, aber ich konnte mich kaum von diesem trennen. Doch dann löste ich mich davon und ging zu ihr herüber. Das Bild was sie betrachtete, war keins, denn es ...
    ... war nur ein leerer Bilderrahmen. Überhaupt folgten nur noch Rahmen, keine Bilder mehr.
    
    Frau Gräfin meinte, dass alle weiteren Bilder verloren gegangen seien, es auf der Burg gebrannt hätte.
    
    Frau von Hochfeldz merkte, dass ich mich mit anderem Beschäftigte, denn das Bild von Ness, ging mir nicht mehr aus dem Kopf und höre mit ihrer Erzählung auf. Dann meinte sie: „Ich denke wir hören hier erst einmal auf, wenn es euch interessiert, kann ich euch zu einem späteren Zeitpunkt mehr berichten!" Ich nickte und sah sie mir dabei genauer an. Vielleicht war es nur Einbildung, aber sie hatte ebenfalls Ähnlichkeit mit Ness.
    
    „Es würde mich freuen, wenn sie mir noch mehr erzählen würden!"
    
    Dabei fiel mir die Burgruine ein, die ich von dem Bergfried aus gesehen hatte.
    
    „Können sie mir etwas zu der Ruine sagen, die ich gesehen habe?"
    
    Mir kam es vor, als wenn Frau Gräfin zusammenzuckte, als ich sie fragte.
    
    „Zu einem anderen Zeitpunkt!", meinte sie mit einer Stimme, die sich verändert hatte. Hatte sie zuvor bei der Erklärung ihrer Ahnenreihe locker und fröhlich geklungen, war sie jetzt dunkler und klang verbittert. Sie wollte anscheinend nicht darüber reden, aber da sie es mir angeboten hatte, wollte ich es wissen. Ich spürte, dass hier etwas verborgen war, dass interessant sein könnte.
    
    Ich verabschiedete mich von ihr, denn ich wollte arbeiten, bevor der Tag langsam zu spät dafür war.
    
    Es hatte alles länger gedauert, als ich gedacht hatte.
    
    Doch als ich die Treppe ...
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