1. Grober Sand 06


    Datum: 02.05.2023, Kategorien: Nicht festgelegt, Autor: byLoreleyColter

    ... hineinlaufen. Ihr Schluckreflex funktioniert noch.
    
    Ich finde endlich meine Sprache wieder. „Weiß sie überhaupt, wer du bist?"
    
    Er sieht mich nicht an, schüttelt nur den Kopf. „Nein, sie weiß gerade nicht einmal, wer sie selbst ist." Er klingt unendlich niedergeschlagen. „Sie ist außer Phase."
    
    „Was?"
    
    „So nennt sie den Zustand, wenn ihr Geist den Körper verlassen hat." Er streift ihr eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich habe sie um dieses Talent immer beneidet."
    
    Ich kann ihm nicht folgen. Er hält einen Zombie in den Armen. Und in dem Blick, mit dem er ihr leichenblasses Gesicht betrachtet, finde ich keinen Neid, nur unendliche Traurigkeit.
    
    „Dia", flüstert er. „Komm schon, Kleines."
    
    Langsam, ganz langsam mischt sich wieder ein wenig Klarheit unter den Drogennebel in meinem Kopf. Ich starre auf seine Schulterklappen. Er ist ...Oh, wie war das, mit den deutschen Rangabzeichen? Denk nach, Bane.
    
    Ja, er ist irgendein Feldwebeldienstgrad. Ein Dach, zwei Dächer, ein Fisch. Also ... ja. Er ist ein Hauptfeldwebel.
    
    Als sie im Schlaf geredet hat, sprach sie von einem ... Er ist es. Er ist ihr Hauptfeldwebel.
    
    „Du bist ihr Truppführer?"
    
    Er runzelt die Stirn. „So was in der Art."
    
    Er wird mir keine Antworten geben, also verschwende ich keine weitere Energie auf Fragen. Ich schließe für einen Moment die Augen. Langsam aber sicher lässt der Druck in meinem Schritt nach und der Schmerz im Rest meines Körpers tritt an seinen Platz. Fuck. Mein Unterarm ...
    ... ist gebrochen. Und das wird vielleicht nicht der letzte Knochen sein, wenn der Colonel zurückkommt.
    
    Ich lasse mich treiben in der Mischung aus Restdelirium und einsetzender Pein. Wenn ich loslasse, werde ich einschlafen ... Er flüstert ihr irgendwas ins Ohr. Es regnet auf das Dach der Baracke. Müde ...
    
    „Gehörst du zum Rat Pack?"
    
    Mit einem tiefen Atemzug, der Schmerz durch meine Rippen schickt, schrecke ich auf. „Was?"
    
    „Das Rat Pack."
    
    Ich schüttle den Kopf. „Nein."
    
    „Bones und Scott ..." Er überlegt laut. „Damals gab es noch Jolly."
    
    Ich werde hellhörig. „Du weißt, was das Rat Pack ist?"
    
    Er seufzt. „Ja."
    
    Kein Mann der langen Sätze. Ich mustere ihn. Er ist athletisch, muskulös. Definitiv mehr das Bild eines Soldaten, als man es von den Deutschen erwartet. Dafür passen die kurz geschorenen, blonden Haare und die stahlblauen Augen perfekt in das Klischee aus den Filmen vom Zweiten Weltkrieg. Eine Narbe teilt seine linke Augenbraue. Was sich nicht so recht einfügen will, ist die Körpersprache. Er sorgt sich um die Frau in seinen Armen. Streichelt ihr ein wenig gedankenverloren über die Schulter. Und er ist angespannt. Er starrt vor sich hin. Wartet.
    
    Minutenlang herrscht Stille, nur die Regentropfen sind zu hören. Sie bilden einen Klangteppich, der diese Szene noch unwirklicher erscheinen lässt lässt.
    
    Der Hauptfeldwebel dreht den Kopf und lässt die Wirbel knacken. Vorsichtig schiebt der die Frau von seinen Beinen und steht auf. Er geht aus der Zelle und ...
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